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2. GdP-Arbeitsschutzsymposium eröffnet:

Arbeitsschutz mit hoher Priorität

Berlin.

Rund 130 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus Polizei, Wissenschaften und Personalräten beraten in Potsdam zwei Tage lang Maßnahmen gegen steigende psychische Belastungen im Polizeidienst. In seiner Eröffnungsrede verwies Jörg Radek, Mitglied des Geschäftsführenden GdP-Bundesvorstands, auf den in einer Umfrage ermittelten Wunsch der GdP-MItglieder, Verbesserungen des Arbeitsschutzes hohe gewerkschaftliche Priorität einzuräumen. Mit dem nunmehr 2. Arbeitschutzsymposium trage die GdP diesem Auftrag gern Rechnung.

75 Prozent der befragten Teilnehmerinnen und Teilnehmer, so Radek, hatten sich im Anschluss an das im Jahr 2005 erstmals verstaltete Arbeitsschutzsymposium für den Themenkomplex "Psychische Belastung am Arbeitsplatz" als Gegenstand für ein künftiges Arbeitsschutz-Symposium der GdP aus. Platz zwei erreichte der Bereich "Ausstattung und Ausrüstung".

Radek zeigte sich über die Themenwahl wenig verwundert. Der Polizeiberuf sei in weiten Teilen besonders belastend. Aufnahme und Bearbeitung schwerer Verkehrsunfälle, Gewaltdelikte in der kriminalpolizeilichen Arbeit, Überbringung von Todesnachrichten und zahlreiche weitere aufs höchste belastende Tätigkeiten seien oft an der Tagesordnung. Dazu kämen weitere Faktoren wie Stress oder psychische Sättigung - und das alles im Rund-um-die-Uhr-Dienstbetrieb: "Im Polizeibereich Beschäftigte empfinden die Arbeitsumwelt nicht anders, als alle anderen Beschäftigten auch. Der Unterschied liegt nur in der Spezialität der ihnen übertragenen Aufgaben. Aber im Hinblick auf Stress, Über- und Unterforderung oder Monotonie gelten für uns Polizisten dieselben Regeln, wie für alle anderen Menschen auch, die sich in entsprechenden, oder besser gesagt, krankmachenden Arbeitsumgebungen aufhalten müssen."




Teilnehmerinnen und Teilnehmer des 2. GdP-Arbeitsschutzsymposiums verfolgen die Referenten-Vorträge. Foto: Holecek

Was Kolleginnen und Kollegen als besonders psychisch belastend empfinden, war Ergebnis einer weiteren Umfrage zu Ende letzten Jahres: "Wir leiden unter akutem Personalmangel. Damit verbunden geht eine Arbeitsverdichtung einher, die an den Grenzen des gesellschaftspolitisch Ertragbaren angekommen ist. Die noch verbleibende Zeit wird häufig durch nicht nachzuvollziehende Tätigketen, wie dem Erstellen und Bearbeiten überflüssiger Berichte und Statistiken ausgefüllt." Der eigentliche polizeiliche Primärauftrag - die Prävention -, so Radek, gerate immer mehr ins Hintertreffen. Die daraus resultierenden Entwicklungen, insbesondere im Milieu, ließen sich wir an der Kriminalstatistik erkennen.

Die GdP, so versprach Radek den bundesweit angereisten Teilnehmerinnen und Teilnehmern, wolle mit ihrem Engagement auf dem Gebiet der psychischen Belastung am Arbeitsplatz helfen, entsprechende Belastungen abzubauen und dazu beitragen, dass sie überhaupt nicht erst einträten.




v. .l.: Prof. Dr. Anna-Marie Metz, Prof. Dr. Heinz-Jürgen Rothe und Barbara Weißgerber,
Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA).
Foto: Holecek

Um diesem Ziel näher zu kommen, habe die GdP die - nach ihren Erkenntnissen - bedeutendsten Belastungsquellen in 5 Workshops gesplittet, in denen mit Mithilfe de Teilnehmerinnen und Zeilnehmer die Thematik vertieft und versucht werden soll, Lösungsansätze zu finden, die womöglich geignet seien, um wirkungsvolle Präventionsinstrumente entwickeln zu können.

Workshops:

Arbeitsgruppe 1 - - Belastungsquelle Führungstätigkeit?

Arbeitsgruppe 2 - - Polizeiarbeit und Gewalt, Betrachtung von Täter und Opfer

Arbeitsgruppe 3 - - Die optimale Work-Life-Balance im Polizeidienst

Arbeitsgruppe 4 - -Ängste in der Polizei

Arbeitsgruppe 5 - - Über- und Unterforderung, Stress und Monotonie


Download:
Eröffnungsrede des Mitglieds im Geschäftsführenden GdP-Bundesvorstand, Jörg Radek



Einführung zum Vortrag von Frau Prof. Dr. Anna-Marie Metz, Universität Potsdam

Der Begriff "psychische Belastung" wird in der Arbeitspsychologie teilweise kontrovers diskutiert. Was die einen für krankmachend halten, finden die anderen für förderlich. Daher ist es erforderlich, vor dem Betreten einer gemeinsamen Diskussionsplattform, sich über gewisse Begrifflichkeiten Klarheit zu verschaffen.

"Psychisch" ist -typisch deutsch- in DIN 33 405 als Begriff definiert, der dann verwendet wird, wenn auf Vorgänge des menschlichen Erlebens und Verhaltens hingewiesen werden soll. Weiter ist zwischen Belastung und Beanspruchung zu unterscheiden; eine Trennung, die zumindest dem anerkannten Stand der Wissenschaft entspricht.

DIN 33 405 sagt hierzu:
Psychische Belastung wird verstanden als die Gesamtheit der erfassbaren Einflüsse, die von außen auf den Menschen zukommen und auf ihn psychisch einwirken.
Psychische Beanspruchung wird verstanden als die individuelle, zeitlich unmittelbare und nicht langfristige Auswirkung der psychischen Belastung bei Menschen in Abhängigkeit von seinen individuellen Voraussetzungen und seinem Zustand.

Während es bei den meisten somatischen Beschwerden eindeutige Ursachen gibt, z.B. das Virus, das die Erkältung bewirkt oder den auf den Fuß gefallene Hammer, der einen blauen Zeh nach sich zieht, liegt einer psychischen Belastung ein gänzlich anderer Wirkmechanismus zu Grunde.

Sie gehen in der Regel nicht von einzelnen, feststellbaren Bedingungen aus, sondern meist von komplexen, qualitativ verschiedenen und teils schwer zu definierenden Tätigkeitsmerkmalen und psychosozialen Bedingungen.

Dabei handelt es sich auch nicht um einfache Reiz-Reaktionsmuster, sondern
um Rückkoppelungsprozesse, die Beziehungen zwischen Belastungen und Beanspruchungen vielfältig beeinflussen. Unter diesem Aspekt wäre es verfehlt, Beschäftigte als reaktive Objekte (= Opfer) der Belastungen zu sehen, sondern als aktive, die Belastungen und sich selbst verändernde Wesen. So können gleiche Belastungen, z.B. objektiv gleiche Aufgabenschwierigkeiten, individuell verschieden erlebt und bewältigt werden.

Mitarbeiter sollen gesund und hoch motiviert sein, die work-live-Balance soll sich im Gleichgewicht befinden. Nur dann ist es möglich, dass die Leistungsfähigkeit des Beschäftigten zum Nutzen des Unternehmens voll ausgeschöpft werden kann. Ausgehend vom Zeitalter der Industrialisierung bis zur heutigen Dienstleistungsgesellschaft, haben sich die Schwerpunkte der krankmachenden Auslöser im betrieblichen Umfeld stark verändert.

Die bisherigen "Spitzenreiter" der zurückliegenden Jahre, die Muskel-Skelett-Erkrankungen sowie Herz-Kreislauf-Erkrankungen laufen Gefahr, von den psychischen Belastungen am Arbeitsplatz überholt zu werden.

Gerade deshalb, weil unterschiedliche psychische Faktoren auf ebenso unterschiedliche Weise auf Menschen im Arbeitsprozess einwirken, ist es erforderlich, mögliche Belastungen individuell zu erfassen.
Die nahe liegende Befürchtung, eine psychologisch fundierte sicherheits- und gesundheitsförderliche Arbeitsgestaltung zahle sich betriebswirtschaftlich nicht aus, übersieht, dass sicherheits- und gesundheitsförderliche Maßnahmen, auch zu Leistungsförderungen der Beschäftigten führen.

Die Psychologie im Arbeits- und Gesundheitsschutz senkt damit die Kosten, die durch unfall- oder krankheitsbedingten Arbeitsausfall, Fluktuation, innere sowie tatsächliche Kündigung bedingt sind.

Daher hat die GdP beschlossen, in den Kreisen ihrer Mitglieder eine Bestandsaufnahme vorzunehmen. Hierzu wurde in der Dezemberausgabe DEUTSCHE POLIZEI ein Fragebogen zur Erhebung der psychischen Belastungen am Arbeitsplatz abgedruckt. Die Ergebnisse der Auswertung dieser Bogen werden gleichermaßen wie die Ergebnisse aus den Arbeitsgruppen des 2008er Arbeitsschutzsymposiums Hinweise geben, auf welchen Gebieten der psychischen Belastung am Polizei-Arbeitsplatz die GdP künftig ihre Arbeitsschwerpunkte im Arbeitsschutz setzen muss und setzen wird.

Dr. Anna-Marie Metz ist Professorin i. R. für Psychologie und ehemalige Leiterin der Arbeits-, Betriebs- und Organisationspsychologie des Instituts für Psychologie der Universität Potsdam.

Download:
Fragebogen “Psychische Belastung im Polizeidienst” - - Auswertung der Umfrage



Arbeitsgruppe 1 - - Belastungsquelle Führungstätigkeit?
Moderation: Erich Traphan, Polizei Nordrhein-Westfalen

Nicht erst seit die GdP im Dezember vergangenen Jahres die Umfrage zur psychischen Belastung am Arbeitsplatz durchgeführt hat, ist das Akzeptanzproblem der Mitarbeiter gegenüber ihrer Führung bekannt.

Unter “Mitarbeiter” sind dabei die Beschäftigten der unterschiedlichsten Hierarchieebenen gemeint, also nicht etwa mittlerer Dienst kontra gehobener Dienst oder Streifenbeamter kontra Revierleiter. Ganz im Gegenteil. Führungsprobleme bestehen losgelöst von der Ebene, auf der Führung und Unterstellung stattfindet.

Führungsprobleme sind auch keine spezifischen Themen der Polizeibeamtinnen und –beamten untereinander. Weder im Bereich des so genannten Alltagsgeschäfts, noch in besonderen Lagen, in denen Gehorsam unbedingt abgefordert werden muss und die Tonlage oftmals zwangsläufig nicht der entspricht, die in Moderationsrunden zu hören ist, z.B. bei unfriedlich verlaufenden polizeilichen Großlagen oder bei Schadensereignissen zum Zeitpunkt des ersten Angriffs.

Führungsprobleme sind auch keine Frage der Polizei. Geführt, geleitet, befohlen, angeordnet, angewiesen, beauftragt, wird in nahezu allen Bereichen des Lebens. Es geschieht im häuslichen Bereich gegenüber den Kindern bei der Gartenarbeit, bei der Bundeswehr in der Ausbildung oder in Afghanistan während eines Kampfeinsatzes oder an der Arbeitsstelle in Behörden, Organisationen oder in zivilen Beschäftigungsverhältnissen.

Es wird immer Menschen geben, die einzeln oder in der Gruppe anderen Menschen unterstehen und Personen, die ihrerseits befugt sind, anderen Menschen Anordnungen zu erteilen. Führungsprobleme können vielfältiger Natur sein. Ist die verlangte Arbeit überhaupt machbar? Warum soll den Auftrag ich und nicht der andere ausführen? Gibt es überhaupt genügend “andere”? Stimmen die äußeren Bedingungen, Arbeitszeit, Arbeitsumgebung, Arbeitsmittel?

Und dann ist da noch der “Ton” mit dem das Verlangen vorgetragen wird. Zu diesem Ton gehört vieles. Nicht nur der Ton im Sinne einer mehr oder weniger ausgeprägten Befehlssprache, sondern der gesamte Führungs-Kontext an der Schnittstelle Mensch-Mensch, in den auch Fragen der Sympathie oder der “richtige Zeitpunkt” einer Anordnung hineinspielen.

Im Arbeitskreis soll hinterfragt werden, ob es denn tatsächlich Führungs-”Probleme” gibt und ob solche sich nicht nur punktuell sondern dauerhaft belastend auf den/die Mitarbeiter auswirken. Daher ist der Titel der Arbeitsgruppe mit einem Fragezeichen versehen.

EPHK Erich Traphan, Landesamt für Ausbildung, Fortbildung und Personal der Polizei NRW

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Arbeitsgruppe 2 - - Polizeiarbeit und Gewalt, Betrachtung von Täter und Opfer
Moderation: Prof. Dr. Hans-Jürgen Lange, RISP e.V.

Gewalt gehört zum polizeilichen Alltag in den unterschiedlichsten Formen. Die Polizeigesetze des Bundes und der Länder enthalten umfangreiche Vorschriften über den Einsatz einfacher körperlicher Gewalt, von Hilfsmitteln der körperlichen Gewalt und letztendlich von Waffen. Hilfsmittel und Waffen sind definiert, in manchen Polizeigesetzen sogar in unterschiedlichem Umfang.

Die Vorschriften zum Einsatz von Gewalt durch die Polizei sind mit hohen Hürden versehen. Nach dem Grundsatz “nicht mit Kanonen auf Spatzen schießen” muss der einzelne Polizeibeamte, der Gewalt anwenden oder anordnen will, prüfen, ob er sein Ziel ggf. auch ohne Gewalt, also mit anderen Mitteln, erreichen kann, oder ob Gewalt völlig außer Verhältnis zu dem, was damit bewirkt werden soll, steht.

Der Schusswaffengebrauch ist sogar als Ultima Ratio konzipiert. Er darf -außer in erlaubten Fällen der Notwehr und Nothilfe- also nur stattfinden, wenn zuvor andere Mittel erfolglos angewandt worden sind, oder deren Anwendung offensichtlich nicht zu dem gewünschten Ziel führt.



Prof. Dr. Hans-Jürgen Lange mit seiner Arbeitsgruppe . Foto: Holecek

Polizei führt Gewalt gegen Personen insbesondere dann durch, wenn sich polizeipflichtige Personen den -berechtigten- Anordnungen der Polizei widersetzen, sei es, dass sie sich einer Festnahme entziehen wollen, oder aber auch in Fällen polizeilicher Großlagen einer Räumungsanordnung widersetzen.

Kriminologisch interessant ist im zuletzt genannten Beispiel das Phänomen der Wirkung von Gruppendynamik bei Straftaten oder Ordnungswidrigkeiten. Welche Überlegungen gehen bei einer Person, die sich der mehrfachen Aufforderung eines Polizeiführers, einen bestimmten Platz zu räumen, voraus, bevor sie bereit ist, der anrückenden Polizeikette nicht zu weichen. Oder gar, Steine aus dem Pflaster zu brechen, um sie gegen die Polizei zu werfen. Sind solche Personen kriminell, oder surfen sie “nur” auf einer Woge der Gruppendynamik?

Dagegen sind die Beweggründe eines gesuchten Straftäters eindeutig, der in eine Polizeikontrolle gerät und dort identifiziert wird. Er kennt seine Straftat und weiß in der Regel, welcher Freiheitsentzug ihn erwartet. Daher flieht er, notfalls mit Gewalt.

Es gibt aber auch Fälle, in denen Polizei die Rolle des Täters einnimmt, so z.B. bei Exzessen. Wie sind solche Situationen zu bewerten? Die rechtliche Sichtweise ist eindeutig. Jeder wird nach dem Grad seiner Schuld bestraft. Aber! Kann der Umstand des Polizeiberufs allein als solcher strafverschärfend wirken, nach dem Motto “Sie sind doch Profi”, oder ist gerade deshalb, weil Menschen, die von Beruf Polizist sind, zuzubilligen,
dass sie gegenüber gewissen Sachverhalten abstumpfen?

Prof. Dr. Hans-Jürgen Lange, Rhein-Ruhr-Institut für Sozialforschung und Politikberatung (RISP) e.V. an der Universität Duisburg-Essen

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Arbeitsgruppe 3 -- Die optimale Work-Life-Balance im Polizeidienst
Moderation: Dipl.Soz. Frank Brenscheidt, Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA)

Mit diesem Thema beschreiten wir ein gutes Stück weit absolutes Neuland, nicht nur im Hinblick auf die soziale Situation in der Polizei, sondern auch aufgrund der Großzahl der Beschäftigungsverhältnisse. Über Work-Life-Balance, also der ausgewogenen Gestaltung des privaten Lebens und der Zeit, die ein Beschäftigter an seiner Arbeitsstelle verbringt, wird viel geschrieben und noch mehr gesprochen.

Sozialwissenschaftlich erforscht ist dieser Sachverhalt aber noch nicht. Dabei entsteht die durchaus berechtigte Frage, ob Forschungsaktivitäten größeren Stils hierzu sinnvolle Ergebnisse bringen würden. Das höchste Ziel dieser Balance ist es, den Menschen als Individuum so zu positionieren, dass Arbeit und Freizeit genau aufeinander abgestellt sind und sich in allen, die Betonung liegt dabei auf allen, Aspekten des Lebens ein Zustand der Harmonie einstellt. Im Grunde wäre dies der -zumindest theoretisch- glücklichste Mensch der Welt.

Lässt sich dieser Zustand auch ohne Aldough Huxleys legendäre Romanvorstellungen in seiner “Schönen neuen Welt” mit gesellschaftlich akzeptablen Mitteln erreichen, und falls ja, wo sind die Stellschrauben anzubringen? Mehr beim Menschen selbst, oder in seiner Arbeitsumgebung. Welche Rolle soll dabei der Staat spielen.

Es gibt durchaus schon Ansätze diese Balance zu generieren. Denken wir z.B. an die Familienförderung. Eltern bekommen für ihren Nachwuchs Kindergeld in unterschiedlicher Staffelung. Es gibt Zeiten vor und nach der Geburt, in denen eine Mutter nicht arbeiten darf. Diese Zeiten sind als “Elternzeit” erweitert, in der die Mutter, oder neuerdings auch der Vater, nicht arbeiten müssen. Im Bereich der häuslichen Pflege gibt es ähnliche Modelle, durch die eine entsprechende Leistung der Angehörigen honoriert werden soll.

So weit zu einigen Beispielen für staatliche Eingriffe in die Work-Life-Balance. Was tun die Unternehmen? Auch hier gibt es -leider eher wenige- gute Beispiele. Sie wenden sich meist auch den Familien zu, entweder durch elternfreundliche Arbeitszeiten oder durch das Angebot der Kinderbetreuung. Sicher könnten an dieser Stelle noch einige weitere Beispiele genannt werden, gerade im Bereich der mittelständischen Industrie, die neuerdings dem Vernehmen nach die Familie als “intakte” Motivationsbasis -auch für betriebliche Leistungen- neu zu entdecken scheint.

Auch hier gibt es, wie in so vielen anderen Bereichen des Lebens, ein Schnittstellenproblem. Dieses ist allerdings eher komplexer Natur, weil dort nicht nur die Schnittstelle Mensch/Arbeitsstelle, sondern noch zahlreiche andere Akteure mit einbezogen werden müssen, wie die Familie, Freunde, Bekannte, der Staat und hinsichtlich der Lebensentwicklungsperspektive noch die zeitliche und räumliche Dimension. Die
Arbeitsgruppe wird diese Thematik diskutieren und nach sinnvollen Lösungsansätzen suchen.

Dipl-Soz. Frank Brenscheidt, Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA)

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Arbeitsgruppe 4 - -Ängste in der Polizei
Moderation: PD Dr. Rolf Manz, Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung

Der Bundeskongress 2002 in Magdeburg beauftragte den Bundesvorstand, sich dafür einzusetzen, dass Ängste im Polizeialltag thematisiert, Ursachen, Erscheinungen und Folgen eruiert und Konzepte zum Umgang mit Ängsten erarbeitet werden.

Zur Begründung trug die antragstellende Bundes-Frauengruppe vor: Die gesellschaftliche und weltpolitische Situation unterliegt einer ständigen Änderung. Die Anforderungen und Erwartungen an die Polizeibeschäftigten steigen weiter. Im Polizeialltag gibt es in vielerlei Ängste, die unsere Kolleginnen und Kollegen in psychischer und physischer Hinsicht beeinträchtigen. Sie betreffen z.B. strukturelle und negative soziale Veränderungen, Bewältigung von traumatischen Ereignissen etc.

In Verfolg dieses Auftrags schuf die Frauengruppe einen Flyer (in der Homepage der GdP zum download eingestellt), in dem Eckpunkte zum Umgang mit Ängsten formuliert sind.

Angst ist ein Phänomen, das als archaischer Schutzmechanismus auch noch dem heutigen, evolutionsbiologisch betrachtet, modernen Menschen zur Verfügung steht. Sicherlich muss sich der Homo sapiens nicht mehr vor Höhlenbär und Säbelzahntiger fürchten. Bildlich gesehen gibt es aber in der jüngsten Neuzeit ebenso viele “Tiger” und andere Gefahren, wie zu Lebenszeiten der Vor- und Urmenschen, in denen sich diese Mechanismen bildeten und verfestigten.

“Mir läuft der Angstschweiß, wenn ich schon daran denke”, oder “bei dieser Entscheidung habe ich aber ein ungutes Gefühl im Bauch.” Solche, oder ähnliche Formulierung hat sicher schon jeder erfahrene Mensch bei irgendeiner Gelegenheit im Leben schon einmal gebraucht.

Was will Angst? Angst will uns sagen “Achtung!” Du begibst dich in eine Situation, deren Ausmaß du nicht überblicken kannst, die du unter Umständen nicht im Griff hast. Du könntest in dieser Situation Schaden nehmen. Das und nichts anderes will uns Angst sagen. Sie ist insofern etwas sinnvolles, wichtiges. Sie ist ein natürliches, nicht unterdrückbares, vegetatives Verhaltensschema, das in unser Unterbewusstsein einprogrammiert ist, wie das Base-Memory in einem Computer. Es verhält sich ähnlich wie die Seekrankheit, die dem Menschen Übelkeit auf einem schaukelnden Schiff beschert und eigentlich nur mitteilen will, dass sich der von der Natur als Landwesen konstruierte Mensch in oder besser gesagt (noch!) auf einem für ihn lebensfeindlichen Metier befindet.

Im Polizeiberuf gibt es eine Menge Situationen, die völlig berechtigt Angst auslösen, sei es, dass die Festnahme eines gefährlichen Straftäters bevorsteht, ein Tatort betreten werden muss, an dem eine übel zugerichtete Leiche gefunden wurde oder vieles mehr. Begreifen wir die Angst als eine sinnvolle Einrichtung der Natur und lernen wir, damit ebenso sinnvoll und vor allem konstruktiv umzugehen.

PD Dr. Rolf Manz, Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung (DGUV)

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Arbeitsgruppe 5 - - Über- und Unterforderung, Stress und Monotonie
Moderation Prof. Dr. Heinz-Jürgen Rothe, Universität Potsdam

Stress und Monotonie sind Begriffe, die fast jeder auseinanderhalten und zumindest ansatzweise richtig beschreiben kann. Aber was wird unter psychischer Ermüdung oder psychischer Sättigung verstanden? Wie wirken diese Beanspruchungen zusammen und wann überschreiten sie ihren Zenit und mutieren zur Belastung?

Im einführenden Vortrag zum Symposium wurden die Grundbegriffe der psychischen Belastungen im Zusammenhang mit Beschäftigungsverhältnissen erklärt. Aber welche Voraussetzungen müssen vorliegen, damit aus einer Beanspruchung über das Stadium der Belastung tatsächlich eine Belastung mit Krankheitswert entsteht? Wie sehen solche Krankheiten aus, und besteht die Chance der Heilung?

Bei jeder Berufsausübung gibt es Beanspruchungen. Kaum eine Beschäftigungssparte ist davon ausgenommen. Der handwerklich produzierende Bäcker arbeitet meist bei Nacht und dazu noch mit hartem körperlichem Einsatz; der Lokführer im Güterverkehr fährt gleichermaßen bei Nacht. Während aber der Job des Bäckers abwechslungsreich ist, benötigt der Lokführer eine so genannte Totmannschaltung, damit er aufgrund der Gleichförmigkeit seiner Tätigkeit nicht einschläft.

Der Drang zum Einschlafen ist gerade in der Polizei ein Monotonie-Problem, das nicht mit sinnvollen Mitteln zu beseitigen ist, weil der astronomische Tag-Nacht-Rhythmus im menschliche Körper quasi einprogrammiert ist. Die bei Nachtarbeitern oft zu hörende Aussage: “Der Körper gewöhnt sich daran, man muss nur ausreichend Schlaf nachholen”, ist im Prinzip biologisch nicht haltbar, da die Grundfunktionen nur in einer synthetischen Tag-Nachtwelt zeitlich neu disponiert werden könnten.

Wichtig ist es, die Momente der Beanspruchung und der Belastung zu kennen. Dies gilt insbesondere für individuelle Schwerpunkte. Diese Vorlieben oder anders ausgedrückt, die Leistungs- bzw. Beanspruchungsmaxima sollten ebenso bekannt sein, wie die Minima, also Zeiten, in denen überhaupt nichts “geht” oder Belastungen, mit denen der Einzelne überfordert ist. Sind diese Extrema mit ihren Tagesgängen bekannt, gilt es nur noch, das Umfeld, sprich die Arbeitsbedingungen, danach einzurichten. Das klingt sehr einfach und wird zugegebenermaßen in der Praxis kaum in optimaler Weise umzusetzen sein. Wo z.B. Personal fehlt, herrscht nun mal mehr oder weniger Aufgaben- und Zeitdruck. Die sozialen Spannungen steigen. Es entsteht Wettbewerb, der nicht immer sozial sinnvoll kanalisiert werden kann. Das
Führungsproblem taucht auf!

Dennoch ist es von besonderer Bedeutung, seine eigenen Belastbarkeiten und auch die Grenzen zu kennen und möglichst in jungen Jahren der Berufslaufbahn eine Beschäftigung zu suchen, die den vorhandenen Bedingungen am meisten entgegenkommt. Es gibt im Leben realistisch nur drei Möglichkeiten: akzeptieren - ändern - gehen!

Welche Version Sie wo und wann ansteuern, bestimmen Sie - zumindest eine Zeit lang. Dann tun es andere.

Prof. Dr. Rothe, Universität Potsdam, Institut für Psychologie

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