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GdP-Fachausschüsse:

Kollektives Verdrängen keine Hilfe für den Katastrophenfall

Neuss.

Eine Influenza-Pandemie zählt zu den Horrorvisionen der Sicherheits- und Katastrophenschutzbehörden. Das Risiko, dass es zu einer solchen Katastrophe kommt, so alarmieren die Weltgesundheitsbehörde WHO und das Robert-Koch-Institut ist derzeit so hoch, wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Die GdP-Fachausschüsse Bereitschaftspolizei, Schutzpolizei und die GdP-Kommission Arbeitsschutz folgten einer Einladung des Ressorts Arbeits- und Personenschutz des Multi-Technologie-Unternehmens 3M Deutschland in Neuss und gingen den Konsequenzen eines solchen Supergaus in gemeinsamen Wokshops und bei Fachvorträgen auf den Grund.

Wenn die Gesprächspartnerin am Telefon nach Marlene Dietrich klingt und der Schreibtisch gegenüber verwaist ist, braucht man nicht auf den Kalender zu schauen um zu wissen: Winterzeit ist Grippezeit. Viele habe sie jetzt „in den Knochen“ und greifen zu den alten Hausmitteln Bettruhe, heißer Tee. Was aber unter dem landläufigen Begriff „Grippe“ verstanden wird, ist oft nichts als eine relativ harmlose Erkältung oder auch grippaler Infekt. An die jeweils jährlich wiederkehrende Grippe hat sich das Immunsystem des Menschen gewöhnt und kann daher auch einigermaßen damit klarkommen. Ein Grossteil der Bevölkerung ist immun und daher verbreitet sich die Infektion nicht so stark.


Die GdP-Kommission "Arbeitsschutz" vor der gemeinsamen Veranstaltung der GdP-Fachausschüsse Schutzpolizei und Bereitschaftspolizei.

Keine Immunität
Eine echte Influenza-Grippe hingegen kann für den Betroffenen tödlich enden. Weil die Influenza-Viren dazu neigen, sich zu verändern, gibt es immer mal wieder einen neuen Typus für den noch keine Immunität besteht. Daher verbreitet er sich schnell in großen Teilen der Bevölkerung und ist in den ersten Jahren seiner Existenz meistens sehr aggressiv. Da sich eine solche neue Influenza-Grippe so stark verbreitet, macht sie sich innerhalb kurzer Zeit in fast der ganzen Welt breit.

Eine Pandemie bricht aus
Schon im Mittelalter gab es weltweite Ausbrüche der Grippe. Im zwanzigsten Jahrhundert gab es drei Grippe-Pandemien. Die Spanische Grippe (1918–1920) forderte weltweit 500 Millionen Kranke und 25 bis 50 Millionen Tote, weit mehr, als im Krieg gestorben sind. Die Asiatische Grippe (1957) mit einer Million Toten ist noch in Erinnerung. In zwei Wellen schlug die Hongkong-Grippe 1968/1970 zu. Allein in den damaligen alten Bundesländern waren zeitweilig zwischen 30 und 50 Prozent der Bevölkerung betroffen und 130.000 Tote zu beklagen.

Auch Polizei betroffen
Es kam, so der Arbeitsmediziner Dr. Peter Michael Bittighofer vom Landesgesundheitsamt Baden-Württemberg der letzten Pandemien erforschte, zum Zusammenbruch des öffentlichen Verkehrs, zu Produktionsausfällen und zum Zusammenbruch der öffentlichen und der medizinischen Versorgung. Arztpraxen mussten zum Teil geschlossen werden, Kliniken verhängten Aufnahmestopps. Sogar bei Beerdigungen führte die Pandemie zu Engpässen mit Wartezeiten zwischen zehn Tagen und einem Monat, zeitweise wurden 1500 unbeerdigte Tote gezählt.
Wie der Rest der Bevölkerung waren natürlich auch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Polizei, Feuerwehr und Katastrophenschutzdiensten von der Krankheit betroffen und meldeten sich massenhaft krank.




Interessiert lauschen die Teilnehmer den Vorträgen.



Spannung pur: Dr. Bittighofer erläutert das Pandemie-Szenario.



Vorstellung der Produktpalette für den Schutz- und Hygienebereich.

Volkswirtschaftlicher Schaden
Dr. Bittinghofer rechnete den Mitgliedern der GdP-Fachausschüsse und der Kommission Arbeitsschutz auch den volkswirtschaftlichen Schaden solcher Pandemien vor. Er kann in Europa je nach Verlauf zwischen 0,7 und 8,0 Prozent Verlust des Bruttoinlandsproduktes bedeuten und mit einer Inflationsrate zwischen 0,46 und 2,37 Prozent einhergehen. Von der Strategie-Übung „Lükex 07“ ist ein Szenario bekannt, bei dem 27 Millionen Deutsche – ein Drittel der Bevölkerung – an Grippe erkranken. Im Laufe einer achtwöchigen Pandemie werden dem Szenario zufolge etwa 360000 Kinder, Frauen und Männer in Kliniken eingeliefert, insgesamt 100 000 Deutsche sterben.

Dr. Bittinghofer: „Wenn 8,3 Millionen Menschen mit einem Schlag arbeitsunfähig wären, wäre die Versorgung der Bevölkerung mit lebenswichtigen Gütern nicht mehr gewährleistet und der Verkehr würde vielerorts zusammenbrechen, Das Gesundheitssystem stünde vor dem Kollaps. Die öffentliche Sicherheit könnte nur mittels Zwangsmaßnahmen aufrechterhalten werden.“
Die Mitglieder im Geschäftsführenden GdP-Bundesvorstand, Frank Richter und Jörg Radek, die die Fachausschüsse betreuen, zeigten sich erfreut über die in dieser gemeinsamen Sitzung präsentierten geballten Informationen. Dazu zählte auch die Vorstellung des 3M-Leistungsspektrums zur Pandemie-Vorsorgeplanung mit Medizin- und Hygiene-Materialien.

Jörg Radek, Mitglied im Geschäftsführenden GdP-Bundesvorstand, Lothar Hölzgen, Vorsitzender der Kommission Arbeitsschutz und Hans-Jürger Marker, zuständiger GdP-Sekretär.

Frank Richter: „Die Aufgaben der GdP im Bereich Arbeitsschutz müssen um einen Schwerpunkt erweitert werden, denn unsere Kolleginnen und Kollegen, auf die es in einer solchen polizeilichen Großlage ankommt, können selbst Opfer einer Pandemie werden. Es muss ein Konzept zum vorbeugenden Schutz entwickelt werden, da in einem denkbaren polizeilichen Einsatz die Gefahr einer Ansteckung höher ist, als bei normalen Bürgern.“




Die Mitglieder der GdP-Fachausschüsse Schutzpolizei und Bereitschaftspolizei bei der Unternehmenspräsentation des Ressorts Arbeits- und Personenschutz von 3M Deutschland in Neuss.



Begleiteten die GdP-Fachausschüsse durch die Veranstaltung: Thomas Resch (l.), 3M Arbeits- und Personenschutz; Philipp Kraft, Innere Sicherheit&Behörden.

Jörg Radek: „Die Aufrechterhaltung von Sicherheit und Ordnung ist in einem solchen Katastrophenfall entscheidend, damit eine gesundheitliche Versorgung, die Versorgung der Bevölkerung mit notwendigen Gütern und Leistungen und die Arbeit der Notfalldienste überhaupt möglich ist. Kollektives Verdrängen oder das Prinzip Hoffnung ist sicher nicht die Antwort auf diese sehr reale Herausforderung.“




Die begleitenden GBV-Mitglieder Jörg Radek und Frank Richter bedanken sich bei den Gastgebern mit einem Kunstdruck. Fotos (11): Holecek

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