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Weniger Randale in Berlin:

"Die Menschen wollen die Krawalle nicht mehr"

Kein Warmlaufen für den G8-Gipfel

Schon Wochen vor dem jährlichen Gewaltritual hatten die Sicherheitskräfte in diesem Jahr besonders gebetsmühlenartig einen friedlichen 1. Mai beschworen. Dafür gab es zwei Gründe. Genau vor 20 Jahren hatte es die ersten großen Ausschreitungen an einem 1. Mai in Kreuzberg gegeben. Außerdem wurde befürchtet, dass die Gegner des G8- Gipfels in Heiligendamm Anfang Juni den Tag in Berlin als Generalprobe für die Proteste an der Ostsee nutzen könnten.

Lange blieb es ruhig am 1. Mai in Berlin Kreuzberg. Nach Mitternacht flogen dann aber doch Flaschen und Steine – es brannten Mülltonnen. Die Polizei nahm etliche Personen fest.

Zwei Stunden vor Mitternacht flogen auch in diesem Jahr in Berlin-Kreuzberg wieder Steine und Flaschen gegen Polizisten. Knallkörper schwirrten durch die Gegend. Damit war die schöne Vision von einem friedlichen 1. Mai in der Hauptstadt dann doch dahin. Wieder brannten Mülltonnen. Es gab Verletzte und Festnahmen. Allerdings war die Situation weitaus entspannter als in früheren Jahren.
Schon in der Walpurgisnacht davor war die Polizei nicht zögerlich und griff Störer und Randalierer schnell aus der feiernden Menge am Boxhagener Platz im Szenestadtteil Friedrichshain.

Die Polizei mit ihren rund 5000 Beamten reagierte am 1. Mai lange zurückhaltend, um eine Eskalation zu vermeiden. Doch irgendwann war Schluss. «Da, wo es Gewalt gibt, greift die Polizei konsequent ein», sagte eine Sprecherin. Eine Stunde vor Mitternacht griffen die Beamten energisch durch. Störer wurden gezielt aus der Menge gegriffen und festgenommen. Mit weiteren Provokationen wurde gerechnet.

20. Jahrestag

Nach Einbruch der Dunkelheit war es in den vergangenen 20 Jahren immer wieder zu Gewaltausbrüchen gekommen. Auch in diesem Jahr fühlten sich Beobachter am Ende des 1. Mai wieder an die bekannte Szenerie erinnert. Dabei hatten die Organisatoren des Volksfestes auf dem Marianneplatz alles darangesetzt, einen Gegenpol zu bilden. Und mit rund 50 000 Besuchern waren so viele Gäste gekommen wie noch nie.

Innensenator Ehrhart Körting (SPD) hatte trotz der angekündigten Proteste gegen den bevorstehenden G8-Gipfels der sieben wichtigsten Industrienationen und Russlands in Heiligendamm gehofft, dass Gewalttaten ausbleiben würden. Eines der großen Plakate auf der so genannten revolutionären 1. Mai-Demonstration verriet eine andere Einstellung. Auf ihm stand in dicken Buchstaben: «G8 angreifen».

Polizeipräsident Dieter Glietsch hatte im Vorfeld der diesjährigen Feiern einen Mentalitätswechsel bei der Bevölkerung ausgemacht. «Die Menschen wollen die Krawalle nicht mehr», sagte er der Deutschen Presse-Agentur dpa. Er vertraute weiter auf sein Konzept der Deeskalation, für das die Polizei schon im Vorjahr Anerkennung selbst von der CDU-Opposition bekommen hatte.

Deutlich weniger Gewalt

Zurückhaltung, aber schnelles Eingreifen bei Straftaten, ist das Motto. Insgesamt sei ein Rückgang der Gewalt zu beobachten, meinte Glietsch trotz der Randale in der Walpurgisnacht. Doch die erste Einschätzung der Polizei, dass es so friedlich wie schon lange nicht mehr war, musste später korrigiert werden. Immerhin wurden 119 Störer festgenommen, weit mehr als im Vorjahr.

Im Kreuzberger Kiez SO 36 roch es am 1. Mai lange eher nach Bratwurst als nach Revolution. Die Strategie, mit dem großen Straßenfest, organisiert von Anwohnern und Bezirksamt, für Gewalt keinen Raum zu lassen, ging trotz der Provokationen am Rande des Festes auf. Auf den Bühnen und an den Ständen zwischen Oranienplatz, Kottbusser Tor und Görlitzer Bahnhof herrschte vor allem ausgelassene Volksfeststimmung.

Vorsichtshalber hatten rund um den Oranienplatz Geschäftsleute dicke Holzbretter vor ihre Fensterfronten genagelt, um sich vor Steinewerfern zu schützen. Die Betreiber einiger Imbissbuden machten zudem bei Einbruch der Dunkelheit dicht: «Wenn der Alkoholpegel erstmal steigt, dann wird die Stimmung unberechenbar», sagte ein Kneipen-Besitzer aus Erfahrung.

von Andreas Rabenstein und Jutta Schütz, dpa
aus: netzeitung, 2. Mai 2007