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Zahl der Tatverdächtigen über 60 nimmt deutlich zu

Kriminelle Rentner

GdP im Gespräch mit der Nachrichtenagentur ddp

Berlin.

Deutschlands Senioren würden immer agiler und gerieten dabei zunehmend auch auf kriminelle Pfade. Zwar sei ein Prozess wie der gegen die "Opa-Bande", deren Mitglieder in der letzten Woche wegen zahlreicher Banküberfälle zu hohen Haftstrafen verurteilt wurden, nach Einschätzung der Gewerkschaft der Polizei (GdP) die Ausnahme. Doch Beamte stießen im Alltag verstärkt auf Täter aus der Ü60-Generation, wie GdP-Sprecher Rüdiger Holecek feststellte: "Dieser Trend ist nicht mehr zu leugnen." Lesen den weiteren Nachrichtentext im Wortlaut.

Nach Angaben des Bundeskriminalamtes (BKA) hat die Zahl der Tatverdächtigen, die 60 Jahre und älter sind, seit der ersten gesamtdeutschen Erfassung im Jahre 1993 drastisch zugenommen. Waren es damals 103 000 Kriminelle im Seniorenalter, so verzeichnete die Statistik im vergangenen Jahr bereits mehr als 151 000. Damit stieg deren Zahl in elf Jahren um rund 50 Prozent. Etwa 70 Prozent der im Vorjahr ertappten Alten waren Männer.

Normale demografische Entwicklung
Von einer regelrechten Welle von Alterskriminalität will der GdP-Vorsitzende Konrad Freiberg aber nicht sprechen. Zunächst müsse ganz einfach die demografische Entwicklung der Gesellschaft insgesamt gesehen werden, betont er. "Immer mehr Deutsche werden immer älter, und damit nimmt auch die Zahl älterer Täter zu." Das belegt auch die Kriminalstatistik: Stellte die Altergruppe 60 Jahre und älter 1993 fünf Prozent aller registrierten Tatverdächtigen, so waren es 2004 knapp sieben Prozent.

Als einen Grund für diese Entwicklung sieht der GdP-Chef, dass die älteren Menschen heute "viel fitter sind, geistig und körperlich". Hinzu komme "wachsende soziale Not", aber auch einfach Langeweile. Zu den Straftaten, die Senioren vor allem begehen, gehören nach Polizeiangaben neben Sachbeschädigungen und Schwarzfahren vor allem Ladendiebstähle. Nicht selten seien es auch Damen aus "besseren Verhältnissen", die "negative Aufmerksamkeit" zum Beispiel durch einen Diebstahl in Kaufhaus oder Supermarkt suchten.

Nach BKA-Angaben steigt ganz allgemein mit dem Alter der Täter der Anteil einfacher Diebstähle, während der von schweren Diebstählen abnimmt. Ein weiteres Phänomen ist Kriminologen zufolge, dass 80 Prozent der Ü60-Straftäter erstmals mit dem Gesetz in Konflikt geraten.

Spezielle Haftanstalten für Senioren
Die neue Alterskriminalität spiegelt sich auch in deutschen Gefängnissen wider - zunehmend mehr Insassen sind bereits jenseits der 60. «Eine solche Tendenz ist erkennbar», bestätigt der Vorsitzende des Bundes der Strafvollzugsbediensteten, Wolfgang Schröder. Wenn diese Entwicklung bis 2030 so weitergehe, seien eigene Haftanstalten für Senioren sinnvoll. Derzeit jedoch lehnt er zentrale Knäste für diese Altersgruppe ab. Ein Vorteil sei zwar, dass diese Verurteilten, die im «Gefängnisalltag kaum Probleme machen«, unter sich seien. Besuche von Angehörigen würden somit jedoch wegen der weiteren Anfahrtswege schwieriger.

Die bundesweit einzige Seniorenhaftanstalt steht in Singen am Bodensee. Die Gefangenen in der Außenstelle der JVA Konstanz sind in der Regel über 60 Jahre alt und ohne »große kriminelle Energie«. Innerhalb des Gefängnisses können sich die Insassen frei bewegen. Pläne für ein weiteres Gefängnis dieser Art in Niedersachsen liegen auf Eis, wie Schröder sagt, der sich eher eigene Abteilungen für ältere Verurteilte in Gefängnissen vorstellen kann. »Das Problem dabei ist jedoch die generelle Überbelegung vieler Anstalten."

Quelle: ddp, 15.06.2005 (Wortlaut)