Zum Inhalt wechseln

Norbert Spinrath im Gespräch mit den Aachener Nachrichten

Atommülltransport: Drohen bürgerkriegsähnliche Zustände?

Aachener Nachrichten:
Ab Herbst sollen wieder Atomtransporte durch die Republik rollen? Drohen bürgerkriegsähnliche Zustände?
Norbert Spinrath:
Den Begriff "bürgerkriegsähnliche Zustände" halte ich für übertrieben. Aber wir rechnen natürlich mit militanten Widerstand. Die Polizei wird dem eine Strategie der Konfliktvermeidung entgegen setzen.

Aachener Nachrichten:

Kann auch die Bundesregierung etwas tun, um eine Eskalation zu verhindern?
Norbert Spinrath:
Ich habe bereits im vergangenen Jahr von Umweltminister Jürgen Trittin verlangt, dass er Gespräche mit den Atomkraftgegnern führt, um zu einem Transportkonsens zu kommen. Den Initiativen muss klar gemacht werden, dass zu einem Kernenergie-Ausstieg zwingend Transporte in Zwischenlager gehören. Zudem sollten sie zur Kenntnis nehmen, dass sie mit ihren Forderungen - die übrigens auch von der Gewerkschaft der Polizei erhoben wurde - Erfolg hatte: Nämlich den Bau von Zwischenlagern an Kernkraftwerken zu forcieren. Mittlerweile liegen eine ganze Reihe von Bauträgern vor.

Aachener Nachrichten:

Ist die Polizei überhaupt in der Lage, die Transporte umfassend zu schützen?
Norbert Spinrath:
Wir haben in diesem Jahr mehrere Großereignisse mit einer hohen Einsatzbelastung für die Polizei: Zum einen die Fußball-Europameisterschaft in Belgien und den Niederlanden, dann die Expo 2000 in Hannover, bei der über ein halbes Jahr hinweg täglich 6.000 Kollegen eingesetzt werden. Wenn dann auch noch die Castor-Transporte hinzukommen, für die 30.000 Beamte abgestellt werden müssen, ist das Ende der Fahnenstange erreicht.

Aachener Nachrichten:

Auf der anderen Seite werden bei der Polizei Stellen abgebaut.
Norbert Spinrath:
Richtig. Wir haben immer weniger Personal für solche Großeinsätze. Die Beamten werden deshalb aus ihrem ganz normalen Dienst herausgezogen. Wenn sie zwei oder drei Wochen im Castor-Land sind, bauen sie pro Tag mindestens 12 Überstunden auf, die anschließend abgebaut werden müssen. sie fehlen deshalb im ganz normalen Polizeialltag. Dadurch gerät die öffentliche Sicherheit in Gefahr.

Aachener Nachrichten:

1998 wurden die Castor-Transporte gestoppt, weil die Behälter strahlten. Sind viele Beamte nicht völlig verunsichert angesichts möglicher Strahlenbelastungen während der kommenden Einsätze?
Norbert Spinrath:
Der Bundesinnenminister hat uns gegenüber erklärt, dass für die Sicherheit der Kollegen inzwischen alles getan ist. Aber viele Kollegen, die neben den Transporten herlaufen sollen, haben trotzdem ihre Zweifel. Das hat einen ganz einfachen Grund: Schon vor 1998 hieß es, von den Transporten würde keine Strahlenbelastung ausgehen. Anschließend stellte sich heraus, dass dies Lug und Trug war.

Aachener Nachrichten:

Können Sie kontrollieren, ob es diesmal keine Strahlenbelastung gibt?
Norbert Spinrath:
Uns ist zugesagt worden, dass jeder beladene Transport-Waggon Messungen unterzogen wird und wir die Ergebnisse erfahren.
[356]

[diesen Artikel drucken]