Zum Inhalt wechseln

Nach Bluttat in Erfurt nicht zur Tagesordnung übergehen

Steigende Jugendgewalt wird seit Jahren ignoriert

Berlin/Hilden.

Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) warnt davor, nach der schrecklichen Bluttat von Erfurt wieder zur Tagesordnung überzugehen. GdP-Vorsitzender Konrad Freiberg: "Mit dem Hinweis, dass es sich um einen extremen Einzelfall handelt, dürfen seit Jahren erkannte und notwendige Maßnahmen zur Eindämmung der steigenden Jugendgewalt nicht unterbleiben." Freiberg erinnerte daran, dass bereits die Jugendstudie der Bundesregierung aus dem Jahr 1990 gravierende Defizite in der Jugendpolitik offengelegt habe. Konsequenzen seien daraus nicht gezogen worden. Stattdessen lieferten Fernsehsender und Videos tagtäglich Beiträge, die man nur als Anleitung zu Massakern und Amokläufen bezeichnen könne.

Freiberg: "Die Unterversorgung der jungen Generation an Zuwendung, Nähe, Verständnis, Leitung und Kontrolle betrifft alle Bereiche der Gesellschaft. In der Schule führen zu große Klassen und zu wenig Lehrer zu einer Anonymisierung. Der bauliche Zustand vieler Schulen ist deprimierend. Im öffentlichen Raum fehlen Jugendbetreuer und jugendgerechte Sport- und Freizeitangebote. Arbeitswelt und Berufstätigkeit nehmen auf Familienbedürfnisse keine Rücksicht mehr. Jugendbehörden sind personell unterbesetzt und überfordert. Werbung und Unterhaltungsmedien sehen in der Jugend nur Konsumentengruppen."

Seit Jahren warnt die Gewerkschaft der Polizei davor, die steigende Jugendgewalt zu ignorieren. Freiberg: "Unsere Kolleginnen und Kollegen stellen erschreckende Verhaltensauffälligkeiten von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen in der Öffentlichkeit fest. Verbaler und körperlicher Gewalt wird kaum noch Einhalt geboten, selbst wenn Erwachsene in der Nähe sind. Niemand traut sich mehr, solchen Kindern und Jugendlichen Grenzen zu setzen und polizeiliche Maßnahmen finden oft nicht den notwendigen gesellschaftlichen und politischen Rückhalt. Personalmangel führt zu einem Rückzug der Polizei aus dem öffentlichen Raum."

Auch sei es notwendig, so Freiberg, noch einmal über das gerade novellierte Waffengesetz nachzudenken. "Ob Waffen mit hoher Magazinkapazität einschließlich Munition jungen Menschen unter 21 Jahren zu Hause zur Verfügung stehen dürfen, ist für mich eine wichtige Frage." Die Gewerkschaft der Polizei fordert eine bundesweite zentrale Waffendatei. Freiberg: "Das illegale Führen von Schusswaffen muss als Verbrechen eingestuft werden."

Die Gewerkschaft der Polizei spricht sich für ein Verbot der Herstellung und Verbreitung von Gewaltvideos und -spielen aus und fordert grundsätzlich schärfere Sanktionen für den Verkauf oder die Abgabe von Waren an Käufer unter dem gesetzlich vorgeschriebenen Mindestalter.