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Mittendrin, nicht nur dabei

Hundert Jahre Beginn des Ersten Weltkrieges, 75 Jahre Ausbruch des Zweiten Weltkrieges und 25 Jahre Mauerfall, – wir Deutschen haben in diesem Jahr reichlich Anlass zu bedenken und zu feiern. Unserer Generation wurde die seltene Chance zuerkannt zu sehen, wohin Krieg und Vertreibung führen. Aber mehr noch; nämlich dass es immer eine Chance gibt, die […]

Jörg Radek, Vorsitzender der Gewerkschaft der Polizei (GdP), Bezirk Bundespolizei

Jörg Radek, Vorsitzender der Gewerkschaft der Polizei (GdP), Bezirk Bundespolizei

Hundert Jahre Beginn des Ersten Weltkrieges, 75 Jahre Ausbruch des Zweiten Weltkrieges und 25 Jahre Mauerfall, – wir Deutschen haben in diesem Jahr reichlich Anlass zu bedenken und zu feiern. Unserer Generation wurde die seltene Chance zuerkannt zu sehen, wohin Krieg und Vertreibung führen. Aber mehr noch; nämlich dass es immer eine Chance gibt, die Folgen zu überwinden.
Es ist immer möglich, sich einzubringen und um Veränderungen zu ringen. Die Menschen im damaligen Bundesgrenzschutz brachten sich schon von Berufs wegen bei der „außerplanmäßigen“ Grenzöffnung ein. Aus diesem Einsatz wurde ein Prozess. Ein Prozess, der zur deutschen Einheit führte. Für diese Einheit nach dem Mauerfall gab es, so überraschend dies klingen mag und im krassen Widerspruch zu all den „Sonntagsreden“ zwischen 1961 und 1989 steht, keinen Masterplan.

Am Gelingen waren gemeinschaftlich die Menschen beteiligt, die sich eingebracht haben. Allein dabei gewesen zu sein, reichte nicht aus: Mittendrin zu sein und zu versuchen, im Sinne der Menschen Einfluss zu nehmen, war angezeigt. Wir konnten lernen, dass Erfahrung mehr ist als die Kenntnis über das Vergangene.
Der „bürgerfriedliche Protest“ machte den Mauerfall erst möglich. Ein eindrucksvoller Beweis für geschlossenen und entschlossenen Protest.

Doch das Einbringen endete nicht mit der staatlichen Einheit. Rückblickend resümiere ich: Damit begann erst die eigentliche Arbeit. Allein aus unserer Schutzfunktion als Gewerkschaft heraus war es nötig, sich in diesen Einigungsprozess engagiert einzubringen. Mit dieser Arbeit lernten wir uns kennen. Oder wie der damalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker formulierte: „Wir lasen uns gegenseitig die Biografien vor.“

Ja, wir konnten tatsächlich lernen, dass Erfahrung mehr ist als die Kenntnis über das Vergangene. Wäre Erfahrung nur das Wissen über bestimmte Abläufe, dann wäre dieses schnell aufgebraucht. Nicht immer kann man in solch einem Umfang mitgestalten. Doch aus dieser Erfahrung können wir heute – besser denn je – die politische Arbeit und die Regierungskunst beurteilen. – Dies ist, zugegebenermaßen, eine sehr persönliche Sicht.

Es gibt darüber hinaus den geschlossenen Einsatz der Gewerkschaft. Nur in dieser Gemeinschaft war es möglich, die Interessen zu bündeln und zu vertreten. Der Bundesgrenzschutz war – nach der Bundeswehr – die Einrichtung mit der größten Betroffenheit.

Die behördliche Integration – durch Verstehen und Verständnis – stellt einen immer
wieder anzusprechenden großen Mehrwert für die heutige Organisation der Bundespolizei
dar. Ein Organisationswissen, das auch durch die nachfolgenden Veränderungen der Organisation nicht verschüttet wurde. Und diese Substanz gilt es zubewahren.
Diese Substanz ist auch weder materiell messbar oder gar – durch welche Methoden auch immer – qualitativ nachweisbar. Die Quintessenz lautet: Die Bundespolizei wurde durch den Einsatz vieler Menschen bereichert.

Mir ist es als Vorsitzender der Gewerkschaft der Polizei in der Bundespolizei eine große Genugtuung, stellvertretend für viele andere, Sven Hüber, Manfred Kirchhoff, Erika Krause-Schöne, Thomas Alter, Holger Jungbluth und Günter Rink zu nennen, die dieser Entwicklung ein Gesicht gaben. Und natürlich zur Vergangenheit auch an das Wirken von Armin Hofschulte, Josef Scheuring und Jürgen Stark zu erinnern. Viele waren beteiligt und können an dieser Stelle nicht alle benannt werden. Jede und jeder hat auf eine ganz persönliche Art und Weise mitgewirkt, die sozialen Folgen der Einheit abzumildern. Es ist niemals umsonst, sich für andere stark zu machen, für eine bessere Gegenwart und für eine Veränderung der Verhältnisse einzutreten. Und trotz der gegenwärtigen auch schwierigen Situation: Die Bundespolizei ist ein Gewinner der deutschen Einheit.