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“Führen nach Zahlen”: Der Geist muss zurück in die Flasche!

Das mehr als kritikwürdige „Führen nach Zahlen“ ist in der vergangenen Woche durch einen Artikel des SPIEGEL in den Fokus der öffentlichen Wahrnehmung gerückt. Durch den Bundespolizeipräsidenten mehrfach abgeschafft, scheint es eine Eigendynamik entwickelt zu haben die an den Flaschengeist von Aladin oder an Goethes „Zauberlehrling“ erinnert: „Herr, die Not ist groß! Die ich rief, […]

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S. Hofschlaeger / pixelio.de

Das mehr als kritikwürdige „Führen nach Zahlen“ ist in der vergangenen Woche durch einen Artikel des SPIEGEL in den Fokus der öffentlichen Wahrnehmung gerückt. Durch den Bundespolizeipräsidenten mehrfach abgeschafft, scheint es eine Eigendynamik entwickelt zu haben die an den Flaschengeist von Aladin oder an Goethes „Zauberlehrling“ erinnert: „Herr, die Not ist groß! Die ich rief, die Geister, werd´ ich nun nicht los.“

Wie kam es dazu? Eine „Schrittmacherrolle“ in Sachen Kennzahlen übernahm die „Kommunale Gemeinschaftsstelle“(KGSt). Ziel war damals mehr Effizienz des Verwaltungshandelns zu erreichen. Ausgangspunkt der Diskussion war eine zunehmende Unzufriedenheit mit den überkommenden Funktionsweisen und Ergebnissen der Kommunalverwaltung bei Bürgern, Politikern und auch bei den Mitarbeitern. Für die Bundespolizei und ihre Vorläuferorganisation wurden solche Managementkonzepte erst spät, seit 1999, eingeführt.

Inzwischen ist man weiter. Der Politologe und Sicherheitsforscher Prof. Dr. Hans-Jürgen Lange kommt in seiner Arbeit zum selben Thema zu dem Ergebnis: “Die Polizei eignet sich nicht als Feldversuch für die verschiedenen Managementkonzepte von Balanced Scorecard bis Total Quality Management“. Lange hat die Wirkung der „Neuen Steuerung“ in verschiedenen Projekten erforscht und ist nun Leiter der Deutschen Hochschule für Polizei. Doch selbst in der Kommentierung zur PDV 100 „Führung und Einsatz“ heißt es dazu: „Nunmehr wird überall in Deutschland von neuen Steuerungsmodellen gesprochen und die drängenden Finanzkrisen bestimmen das Reformtempo. Alle Modelle verfolgen zwar das Ziel zu sparen, aber den Weg dorthin führt in erster Linie über die Beseitigung der Ursachen für unwirtschaftliches Verwaltungshandeln.“ Das Handeln für die Polizeiarbeit beginnt jedoch im Parlament! Die Polizei bezieht ihre Zweckbestimmung aus dem staatlichen Gewaltmonopol. Daraus resultiert ein staatlicher Auftrag der die Polizei von der weiteren Verwaltung abgrenzt.

Da sich die Mitarbeiter in der Polizei in besonderem Maße mit ihrem Beruf identifizieren, darf es nicht verwundern, dass insgesamt der Anstieg an bürokratischen Tätigkeiten bei gleichzeitig reduziertem Personal und gestiegener Arbeitsbelastung beklagt wird. So wurde eine fremdgesteuerte Polizei mit „Datenfriedhöfen“ geschaffen! Die Vorkämpfer und Apostel der Verwaltungsmodernisierung innerhalb der Polizei hatten Kritik bislang damit abgetan, dass es den Beschäftigten an entsprechendem Kostenbewusstsein und Verständnis für die Rahmenbedingungen mangele.

Die Lage der Bundespolizei ist aber eine andere: Mehr als jeder Achte in der Bundesverwaltung ist ein Beschäftigter der Bundespolizei, dafür fällt für die Bundespolizei jedoch nur ein zwanzigstel der gesamten Personalkosten an. Aus dem Verhältnis Stellen zu Personalkosten ist die Bundespolizei jetzt schon der „billigste Teil“ der Bundesverwaltung. Trotz Aufgabenaufwuchs beträgt der Anteil am Gesamthaushalt unter einem Prozent.

Kein politisch Verantwortlicher wird zur Rechtfertigung gegenüber dem Parlament oder der Öffentlichkeit Controllingdaten präsentieren. Weder bei Kontrolllücken, nach einem Brisanzspiel oder einem Staatsbesuch, bei dem der Einsatz verpatzt wurde. Polizeiarbeit bleibt Arbeit von Menschen für Menschen. Der Faktor „Mensch“ scheint bei der Optimierung von Prozessen jedoch häufig nur als „Fehlerquelle“ vorzukommen. Die Datengläubigkeit entfaltet nun ihre Wirkung, in dem eine Dienstelle gegen die andere ausgespielt wird: Ein Mitarbeiter gegen den Anderen. Die Beteiligten an Personalführungsgesprächen werden es teilweise bestätigen können. Ein Vorgangsbearbeitungssystem wird zu einem Programm der Leistungsmessung missbraucht.

Wir haben als Gewerkschaft der Polizei das seit Beginn der Neuorganisation verfolgte „Konzept für eine ergebnisorientierte Steuerung in der Bundespolizei“ durch Kennzahlen hinsichtlich Sinnhaftigkeit, Kosten, Akzeptanz und Eingriffe in die regionale polizeiliche Schwerpunktsetzung von Anfang an kritisch hinterfragt. Kennzahlen wurden zu einem Hilfsmittel der Organisationgewalt. Die Verengung auf Wettbewerb ist Gift für das Wir-Gefühl. Das Messen und Vergleichen um jeden Preis führt zu mehr Kälte zwischen den Menschen. Unabhängig von den Vorgängen in Lichtenberg oder vielleicht noch anderswo, sollten wir den „Geist der Zahlen“ endgültig bändigen und verbannen.

Jörg Radek
pdf Artikel für den Aushang