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BamS-Interview mit dem DFB-Boss zur Fussball-Gewalt:

DFB-Präsident übt scharfe Kritik an Äußerungen des Vorsitzenden der Polizeigewerkschaft

"Herr Wendt spricht nicht für die gesamte Polizei"

Berlin.

Als "unverantwortlich" bezeichnete der Präsident des Deutschen Fußballbundes (DFB), Dr. Theo Zwanziger, die Aussage des Vorsitzenden der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG), das jeder Fan, der ein Stadion betrete, sich in Lebensgefahr begebe. Im Gespräch mit "Bild am Sonntag" (BamS) sagte der DFB-Präsident: "Mit solchen polemischen und populistischen Äußerungen werden auf fahrlässige Weise Ängste geschürt. In deutschen Stadien wird alles für die Sicherheit der Fußballfreunde getan. Wer das verkennt und dieses falsche Bild zeichnet, verweigert sich einem verantwortungsbewussten Dialog. Übrigens spricht Herr Wendt nicht für die gesamte Polizei. Mit der Gewerkschaft der Polizei und dem Vorsitzenden Konrad Freiberg stehen wir in konstruktivem Dialog." Bitte lesen Sie nach dem Klick das BamS-Interview mit Dr. Theo Zwanziger im Wortlaut:

Herr Zwanziger, sind Sie ein Präsident von Schlägern?
Von MICHAEL WITT und WALTER M. STRATEN

BILD am SONNTAG: Der Bundesgerichtshof (BGH) hat gerade entschieden, dass Stadionverbote bereits ausgesprochen werden können, wenn jemand unter dem Verdacht der Gewaltbereitschaft steht. Ein gutes Urteil?
THEO ZWANZIGER: Der BGH hat ein richtiges Signal gesetzt! Es geht darum, friedliche Zuschauer vor gewaltbereiten Besuchern zu schützen. Das ist unser Ziel. Es geht überhaupt nicht darum, Fans vom Fußball auszuschließen.

BamS: Aber viele Fans fürchten jetzt, dass sie pauschal und zu Unrecht mit Stadionverbot belegt werden.
ZWANZIGER: Eine falsche Anwendung der Verbote kann in der Tat möglicherweise ein Pulverfass sein: Fans solidarisieren sich schnell, wenn nicht nur Täter, sondern auch Unbeteiligte mit einem Verbot bestraft werden. Das ist eine Gratwanderung. Dieses mögliche Ungerechtigkeitspotenzial kann durchaus für eine gewisse Unruhe sorgen. Man muss also bei der Anwendung der Verbote möglichst genau differenzieren.

BamS: Rainer Wendt von der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG) behauptet: Jeder Fan, der ein Stadion betritt, begibt sich in Lebensgefahr. Hat er recht?
ZWANZIGER: Diese Aussage ist unverantwortlich! Mit solchen polemischen und populistischen Äußerungen werden auf fahrlässige Weise Ängste geschürt. In deutschen Stadien wird alles für die Sicherheit der Fußballfreunde getan. Wer das verkennt und dieses falsche Bild zeichnet, verweigert sich einem verantwortungsbewussten Dialog. Übrigens spricht Herr Wendt nicht für die gesamte Polizei. Mit der Gewerkschaft der Polizei und dem Vorsitzenden Konrad Freiberg stehen wir in konstruktivem Dialog.

BamS: Im vergangenen Jahr gab es laut Polizei ein Drittel mehr Gewalttaten beim Fußball als im Schnitt der zehn Jahre zuvor. Warum geht es immer brutaler zu?
ZWANZIGER: Richtig ist, dass nicht die Gewalttaten, sondern die eingeleiteten Ermittlungsverfahren um ein Drittel zugenommen haben, von denen eine große Zahl aus den Bereichen Beleidigung oder Sachbeschädigung eingestellt werden. Trotzdem nehmen wir das Thema sehr ernst und engagieren uns stark in der Prävention.

BamS: Ihr Sicherheitsbeauftragter Helmut Spahn sagte, die Ausschreitungen seien brutaler geworden.
ZWANZIGER: Ja, Zahlen sagen nichts über die Brutalität aus. Es gibt in unserer Gesellschaft eine zunehmende Respektlosigkeit und Gewalt fängt bereits beim Wort an. Als ich neulich bei mir daheim auf einem Fußballplatz war, wurde ein 15-jähriger Linienrichter unflätigst beschimpft. Das hat mich schon erstaunt! Ich dachte nur: der arme Junge!

BamS: Wäre er mal besser nicht Linienrichter geworden...
ZWANZIGER: Das hat nicht allein mit dem Fußball zu tun, Schuldzuweisungen und Panikmache sind völlig unangebracht. Die Sitten sind rauer geworden, da ist der Fußball ein Abbild der Gesellschaft. Der Respekt ist gesunken, die Gewalt hat zugenommen. Das ist kein Problem des Fußballs. Als Kain seinen Bruder Abel erschlug, war der Fußball auch nicht schuld!

BamS: Aber fühlen Sie sich nicht doch manchmal als Präsident von Schlägern und Rowdys?
ZWANZIGER: Wenn das so wäre, wäre ich nicht mehr Präsident. Ich fühle mich als Präsident eines Verbandes, dem Millionen engagierter und aufrichtiger Fußballfans angehören. Die wenigen, die den Fußball als Bühne für rassistische Parolen oder Gewalt missbrauchen, haben in unserer Fußballfamilie keinen Platz.

Download / Links: Dieser Artikel erschien in der Druckausgabe der Bild am Sonntag (BamS) (01.11.2009 und auf bild.de