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„Feindbilder ins Abseits " - Fußball-Kongress von DFB, DFL und GdP

Polizei, Fußball und Fans im Dialog und Widerspruch

Frankfurt am Main.

Nachhaltiger ließ sich der klare Wille aller Vertreter von Fußball und Polizei nicht formulieren. Kaum einer der Redner und Referenten wollte darauf verzichten, einen intensiveren Dialog zwischen der Polizei und den Fußballfans anzumahnen, bundesweit standardisierte und damit für beide Seiten verlässliche Sicherheitsregeln einzufordern, für mehr Respekt voreinander zu appellieren und dem vom Deutschen Fußballbund (DFB), Deutscher Fußballliga (DFL) und Gewerkschaft der Polizei Mitte Januar in Frankfurt am Main veranstalteten Kongress „Feindbilder in Abseits – Dialog für Sicherheit im Fußball“ lediglich als Auftakt einer Reihe weiterer Veranstaltungen zu beschwören. So dicht beieinander in der guten Absicht, die Gewalt rund um den Fußball zu ächten und zu verdrängen, doch umso weiter entfernt in ersten Lösungsansätzen präsentierten sich Polizei, Fanbeauftragte, Fanprojekte, Faninteressenvertreter und Ultras den rund 300 Teilnehmerinnen und Teilnehmern des Frankfurter Fußballgipfels.

Kostenerstattung für Fußballeinsätze reiner Populismus
Noch bevor das Verhältnis zwischen Polizei und Fans eingehend thematisiert wurde, übten sich DFB, DFL und GdP in einmütiger Ablehnung der Polizeigewerkschafts-Forderung, Fußballeinsätze der Polizei von Verband und Vereinen bezahlen zu lassen. Dies, so GdP-Vorsitzender Bernhard Witthaut sei gleichwohl „politisch unsinnig wie juristisch falsch“. Am Fußball mache sich zwar die zunehmende Gewaltentwicklung in der Gesellschaft fest: „Wer aber glaubt, dass eine Sonder-Sicherheitsabgabe von Fußballvereinen angesichts der äußerst leeren Staatskassen und der massiv zupackenden Schuldenbremse tatsächlich der Polizei zu Gute kommt, der glaubt auch, dass Zitronenfalter Zitronen falten.“

In die gleiche Kerbe schlug DFB-Präsident Dr. Theo Zwanziger. Unzweifelhaft habe die Polizei mit dem Fußball viel Arbeit, doch seien die Vereine nicht die einzigen, die die Polizei in Anspruch nähmen. Die Sicherheitsprobleme rund um den Fußball löse dieses polemische Verlangen jedenfalls nicht. Dr. Zwanziger machte vor allem die Sparpolitik der Länderregierungen dafür verantwortlich, dass die Belastung der Beamtinnen und Beamten so drastisch zugenommen habe. Harald Strutz, Vize-Präsident des Ligaverbandes DFL und Präsident des Fußball-Bundesligisten FSV Mainz 05 wurde noch deutlicher: „Was da von kleineren Gewerkschaften geäußert wird, sind durchsichtige Interessen und reiner Populismus.“ Nicht zu vergessen sei im Übrigen, dass die Vereine bereits erhebliche Steuerzahler seien.
„Für den DFB und die Liga“, betonte DFB-Präsident Dr. Zwanziger, „ist und bleibt die GdP der Ansprechpartner.“

Vor dem Kongress-Anpfiff: Fußball und Polizei sind sich einig; der Dialog muss intensiviert werden. (v.l.) GdP-Vorsitzender Bernhard Witthaut, Wolfgang Niersbach (DFB-Generalsekretär), DFB-Präsident Dr. Theo Zwanziger und der Vize-Präsident des Ligaverbandes und Präsident des Bundesligisten FSV Mainz 05, Harald Strutz. Foto: Zielasko

Polizei an Belastungsgrenze
Die Einsatzkräfte seien nunmehr an der Belastungsgrenze, erklärte GdP-Vorsitzender Bernhard Witthaut in seinem den Kongress eröffnenden Grundsatzstatement. Die hohe Zahl der Fußballeinsätze im Verbund mit zahlreichen anderen Einsätzen und Großlagen sei kaum noch zu schultern, die personellen Ressourcen seien ausgereizt. Wochenenden für Kolleginnen und Kollegen in den Hundertschaften seien ein rares Gut. Allein im Fußballgeschehen habe die Einsatzbelastung der Polizeien der Länder und des Bundes in der Saison 2008/2009 einen Rekordwert von über 1,5 Millionen Einsatzstunden erreicht. Das entspreche der Jahresarbeitszeit von 1.174 Polizeibeamten und -beamtinnen. Bei Einsätzen rund um den Fußball habe es in den letzten neun Jahren einen Anstieg von rund 600.000 Arbeitsstunden gegeben. Witthaut: „In der Saison 2008/2009 mussten also gegenüber der Saison 2000/2001 460 Polizeibeamte mehr eingesetzt werden, die, rein statistisch, nicht anderes machen, als von morgens bis abends und das ganze Jahr über problematische Fangruppen zu begleiten.“

In nahezu allen Bundesländern lägen aufgrund der Haushaltssituation Pläne für einen weiteren Personalabbau in den Schubladen. Einige Länder, prophezeite der GdP-Chef, würden künftig nicht mehr in der Lage sein, einen größeren Einsatz ohne Unterstützungskräfte aus anderen Bundesländern überhaupt zu leisten.

Gewaltentwicklung macht sich am Fußball fest
Der GdP-Vorsitzende weiter: „Den gewaltigen Anstieg an Polizeieinsätzen hat nicht der Fußballsport zu verantworten. Der Deutsche Fußballbund, die Deutsche Fußballliga und die Vereine bemühen sich nach Kräften, die Stadien und den Spielbetrieb sicherer zu machen.“ Die gewalttätigen Auseinandersetzungen spielten sich ja überwiegend am Rande von Fußballbegegnungen auf öffentlichem Boden und dem Schienennetz ab. Diese Gewaltentwicklung, die sich nicht nur am Rande des Fußballs zeige, sei in der Gesellschaft zu lange ignoriert oder verharmlost worden. Auch Bürgerfeste, Weinfeste, Herbstfeste und andere gesellschaftliche Veranstaltungen litten mittlerweile unter Gewaltausbrüchen und benötigten nicht selten zusätzlichen Polizeischutz.

Alkoholmissbrauch schafft Gewalt: GdP-Vorsitzender Bernhard Witthaut bei seinem Grundsatzstatement. Foto: Zielasko
Witthaut: „Da verabredet sich ein gewalttätiger Mob per Handy oder Internet, irgendwo und nur so zum Spaß so ein Fest zu überfallen.“ Das Fußballgeschehen, betonte der GdP-Vorsitzende, sei nicht die Ursache, aber dort, bei 1,7 Millionen Fußballspielen jährlich, kristallisiere sich diese fatale gesellschaftliche Erscheinung, die alle zu Konsequenzen zwängen. Witthaut sprach sich für eine Entzerrung und Flexibilisierung der Spielpläne, die konsequente Durchsetzung der Sicherheitsvorschriften bis in die 5. Liga, eine einheitliche Handhabung von Stadionverboten, ein Transportverbot von mit Stadionverboten belegten Personen mit der Deutschen Bahn, Alkoholverbote in Stadien und Transportmitteln der Bahn, einen Ausbau der Fanbetreuung und das Sicherstellen der Zuverlässigkeit der Sicherheitsdienste in den unteren Ligen aus. Um auf Fußball-Straftäter schneller reagieren zu können, forderte Witthaut eine staatsanwaltliche Begleitung bei Risikospielen: „Schnellverfahren für gewalttätigen Fußballfans schrecken wirksam ab. Nur so kommt man rasch zu Haftbefehlen und am Ende zu entsprechenden Urteilen.“ Notwendig sei ebenso, dass die die Justiz endlich das Strafmaß bei Gewalttaten voll ausschöpfe. Es könne nicht sein, dass Hooligans Beamte schwer verletzten und dann mit einer lapidaren

Geldbuße davonkämen. Kompromisslos zeigte er sich bei der bereits im Vorfeld des Kongresses von Fanseite geforderten Kennzeichnungspflicht für eingesetzte Polizeibeamtinnen und -beamten. Dies werde von der GdP abgelehnt.

Gelebte Integration
DFB-Präsident Dr. Theo Zwanziger stellte in seinem Statement die gesellschaftliche Bedeutung des Fußballsports in den Vordergrund. Die rund 80.000 Fußballspiele, die jede Woche in Deutschland stattfänden, seien gelebte Integration. Natürlich erkenne der DFB dort auch bestehende gesellschaftliche Defizite sowie Bestrebungen extremer Gruppierungen, den Fußball für ihre Zwecke zu instrumentalisieren. Zwanziger: „Lasst uns diesen fantastischen Sport nutzen, unsere freiheitliche und friedliche Grundordnung zu untermauern.“ Und das, so der Präsident von ca. 6,3 Millionen aktiver Fußballerinnen und Fußballer, am liebsten mit weniger Polizei in und an den Stadien. Er sei ein Anhänger präventiver Maßnahmen. Neben der wichtigen Sozialarbeit sei auch eine Intensivierung des Kontakts zwischen Fans und Polizei von enormer Bedeutung. Fußballfans seien sehr sensibel und nähmen aus ihrer Sicht ungerechte Maßnahmen und Strafen nicht einfach hin. Die Polizei könne sich bemühen, sich stärker mit der Gefühlswelt der Fans zu beschäftigen.

"Fußball ist gelebte Integration": DFB-Präsident Dr. Theo Zwanzigerbei seinem Grundsatzstatement Foto: Zielasko

Nicht übereinander, miteinander reden
Die einzelnen Beteiligten des Fußballgeschehens unterlägen unterschiedlichen Zwängen, sagte der dritte Redner des Veranstalter-Trios, DFL-Vize-Präsident Harald Strutz. Insofern sei es so enorm wichtig, miteinander und nicht übereinander zu reden. Auch er halte, wie seine Vorredner, die zunehmende Gewalt für ein sehr ernstes, aber eben auch vielschichtiges Problem. Die strikten Forderungen der GdP wolle er zunächst rechtlich in Frage stellen. Der Kongress biete daher die gute Gelegenheit, einen ersten Gedankenaustausch und eine Positionierung zu bewerkstelligen. Strutz: „Der Fan ist auch Repräsentant des Vereins. Das muss der Verein berücksichtigen. In Mainz haben wir die Zahl der Zwischenfälle im Stadion verringert. Dazu beigetragen haben sicherlich die regelmäßigen Treffen mit den Fangruppen.“ Auch das Kurvengespräch der Sicherheitskräfte mit Fan-Vertretern vor dem Spiel mindere Konfliktpotenziale. Einer Kennzeichnungspflicht für polizeiliche Einsatzkräfte sei er nicht abgeneigt. Das, so Jurist Strutz, könne viel Luft herausnehmen. Der Präsident des Bundesligisten FSV Mainz 05 regte überdies an, in dieses Forum auch Vertreter der Gesetzgebung und der Rechtsprechung einzubinden. Strutz: „Lassen wir nicht zu, dass Fußball und Polizei gegeneinander ausgespielt werden.“

Vorbild „Konfliktmanager“
Tatsächlich sei eine zunehmende Verfestigung des Feindbildes „Polizei“ bei Fußballfans, vor allem bei Ultragruppierungen, festzustellen, erläuterte der sich seit 35 Jahren mit dem Phänomen „Gewalt und Sport“ auseinandersetzende Soziologe Prof. Dr. Gunter A. Pilz. Der Honorarprofessor am Institut für Sportwissenschaften der Universität Hannover, der sich als Gewalt- und Konfliktforscher in den Bereichen Sport und Gesellschaft einen Namen gemacht hat, bescheinigte vielen Ultras ein schlechtes Verhältnis zur Polizei. Gegensteuern könne man nur, indem man mehr über den anderen erfahre. Ein hoffnungsvoller Ansatz sei, so Prof. Pilz, die 2009 von der Daniel-Nivel-Stiftung initiierte „Zukunftswerkstatt: Fußballfans und Polizei – Abbau der Feindbilder" gewesen. 80 Teilnehmer, je 40 Polizisten und Fans aus Deutschland und Frankreich, hatten dort Probleme um den Fußball diskutiert und so den anderen und dessen Sichtweisen besser kennengelernt. Prof. Pilz: „Polizei und Fans werfen sich gegenseitig mangelnden Respekt und fehlendes Verständnis füreinander vor. Die Zukunftswerkstatt hat gezeigt, dass das Miteinander reden hilft. Die Sprachlosigkeit zwischen der Polizei und den Fans muss also überwunden werden, der Gesprächsbedarf ist groß.“ Der Soziologe warb für die Ausweitung polizeilicher „Konfliktmanger“. In der Saison 2008/09 war dieses Modell erstmals von der Hannoveraner Polizei bei den Heimspielen der „96er“ erprobt worden. Und auch bei den Ultras fiel dies auf fruchtbaren Boden. Pilz: „84 Prozent der Fans, die den Einsatz des Konfliktmanagers während eines Spiels bei Hannover 96 erlebt haben, wollen ihn als Dauer-Einrichtung.“ Die Polizei profitiere indes nicht nur von friedlicheren Einsätzen, selbst bei Risikospielen würden weniger Kräfte benötigt.

Einheitliche Einsatzlinie
Polizeihauptkommissar und GdP-Mitglied Christian Kusch sah ebenso wie Forscher Prof. Pilz ein Auseinanderdriften von Polizei und Fans. Kusch, seit 2008 stellvertretender Hundertschaftsführer in der Bundespolizeiabteilung Blumberg: „Die Fans verhalten sich gegenüber der Polizei zunehmend konspirativ. Kommt es zu Gewaltvorfällen am Rande eines Spieles, solidarisieren sich Gruppierungen oft angetrunkener Zuschauer gegen die Einsatzkräfte, noch mehr Gewalt ist die Folge.“ Der als ehemaliger Führer einer Beweissicherungs- und Festnahmeeinheit im Fußballgeschehen erfahrene Bundesbereitschaftspolizist setzte sich für eine einheitliche Linie und Standardisierungen bei Fußballeinsätzen ein. Zu viele unterschiedliche Regeln sorgten sowohl bei der Polizei wie auch auf Seiten der Fans für Verunsicherung. Dazu müssten alle Beteiligten zusammenwirken. Schließlich müssten alle Partner berechenbar sein. Dadurch werde der Konfliktraum zwischen Polizei und Fans deutlich schmaler. Kusch untermauerte indes die Forderungen des GdP-Vorsitzenden. Zwar müsse es mehr Kommunikation geben, doch dürfe dies nicht heißen, bei Fehlverhalten nicht auch konsequent durchzugreifen. Straftäter, die schon während der Fahrt zum Spiel aufgefallen seien, dürften beispielsweise nicht mehr zum Spielort gebracht werden. Er appellierte an Fußballverband und Liga, Fan-Fehlverhalten nicht nur in den Stadien, sondern auch auf An- und Abreisewegen auszuwerten.

Dialog intensiviert: GdP-Vorsitzender Bernhard Witthaut im Meinungsaustausch mit Holger Hieronymus, DFL-Geschäftsführer und Ex-Fußballprofi. Foto: Zielasko

Begegnung mit Polizei nicht auf Augenhöhe
Auch die Fans, so Thomas Beckmann, Sprecher der Bundesarbeitsgemeinschaft der Fanprojekte (BAG) und nächster im Reigen der insgesamt zwölf Referenten, begrüßten das Zusammentreffen von Vertretern des Fußballs und der Polizei. Um langfristige Konzepte zu entwickeln, dürfe die Veranstaltung aber nicht einmalig bleiben. Er forderte für Vertreter der Fanprojekte eine „belastbare Kommunikation mit der Polizei auf Augenhöhe“. Nicht nur die Polizei begleite Fußballfans zu den Spielen, auch die Fanprojekte seien dabei. Scharf kritisierte er in diesem Zusammenhang die teils miserablen Reisebedingungen der Fans in Zügen. Es sei nicht ungewöhnlich, wenn es nicht einmal Toiletten an Bord gebe.

Seine Kolleginnen und Kollegen hätten in den meisten Fällen seit vielen Jahren engen Kontakt zu problematischen Fans und könnten sich anbahnende Konflikte bereits in einem frühen Stadium erkennen. Doch, so Beckmann, der Dialog mit der Polizei gestalte sich schwierig. So würden zum Beispiel einschlägige Ausweise der Fanprojekt-Mitarbeiter nicht akzeptiert. „Wir werden schlicht als Randalierer pauschalisiert“, warf er der Polizei vor.

Um das belastete Verhältnis zwischen Fans und Polizei zu verbessern, forderte Beckmann eine Kennzeichnungspflicht für Polizeibeamte. Denkbar seien Zahlenkombinationen. Polizeiliches Fehlverhalten komme eben vor und negative Ausnahmen blieben im Fan-Gedächtnis hängen. Beckmann: „Da wird geduzt, geschubst und durchaus Gewalt ausgeübt. Momentan ist es fast unmöglich, einen solchen Beamten zu identifizieren und anzuzeigen. Die Fans fühlen sich schlicht ohnmächtig.“ Eine anonyme Polizei, sagte der BAG-Sprecher und Leiter des Fanprojektes Mainz, dürfe es nicht geben.“

Einer von den „bösen“ Fans …
… bin ich, stellte sich Johannes Liebnau, Vorsänger der Hamburger Ultragruppe „Chosen Few“ mit deutlich ironischem Unterton den Teilnehmern vor. Als „Mann auf dem Zaun“ kenne er die Vorurteile der Polizei gegenüber den Ultras: Pyrotechnik, Provokation, Alkohol. Im Grunde wollten Ultras wie die Polizei ja das Gleiche: einen ruhigen, friedlichen Spieltag, doch, so auch die Selbsterkenntnis, mache man sich gegenseitig das Leben schwer. Ultragruppen seien aber gegen alle Klischees keineswegs homogen strukturiert. Der Anteil der Frauen steige, alle Bildungsschichten seien präsent. Liebnau: „Und man glaubt es kaum, auch Ultras freuen sich auf das Spiel, diskutieren die Aufstellungen und möglichen Taktiken. Aber wir suchen auch das Kräftemessen mit unseren Ultra-Gegnern. Wir duellieren uns mit Choreographien, mit Gesängen, machen auf der Straße einen auf ‚dicke Hose‘ und – ok. – begehen kleine Ordnungswidrigkeiten, wenn wir auf fremden Terrain Sticker verkleben, Graffitis anbringen, also unser Gebiet markieren.“ Schlägereien mit gegnerischen Gruppen seien aber ein Relikt der Vergangenheit.

Regelrecht gegängelt fühlten sich Ultras durch kaum nachvollziehbare Materialverbote in den Stadien, sagte Liebnau und präsentierte dem Forum zwei PVC-Fahnenstöcke. „Die Stöcke sind aus dem gleichen Material, einer ist etwas länger als der andere. Nun dürfen wir den einen Stock nicht in das Stadion nehmen, den zweiten nicht in das andere. Entweder ist der eine zu lang, oder der andere zu dick.“ Es sei einfach kein einheitliches Schema festzustellen. Ähnlich unkoordiniert wären die Einsatzrichtlinien der Polizeien. Da sich die Polizei zudem häufig nicht an Absprachen gehalten habe, herrschten in der Szene große Vorbehalte. Liebnau: „Der Dialog mit den Ultras muss gesucht werden. Wenn das Verhältnis besser werden soll, müssen die Leitwölfe der Ultras darin unterstützt werden, ins Innere der Gruppe positiv einzuwirken.“ Ob eine oder einer der Teilnehmerinnen und Teilnehmer der charmanten Einladung des „Auserwählten“ Hamburgers folgte, als Fan getarnt die „Chosen Few“ auf der Fahrt nach Gelsenkirchen zum Spiel gegen den FC Schalke 04 Mitte Januar zu begleiten, ist indes nicht bekannt.

Können „erlebnisorientierte Fans“ nicht erreichen
Hundertschaftsführer Heinz Lennartz aus Mönchengladbach wartete mit einerseits imposanten wie andererseits bedrückenden Zahlen auf. So habe sich im Einsatzgebiet „Borussia Mönchengladbach“ in den letzten zehn Jahren die Belastung der Kräfte um etwa das Vierfache erhöht. Dem Problem der zunehmenden Gewalt gegenüber Polizeibeamtinnen und -beamten sei man schlicht mit einem erhöhten Personalaufgebot begegnet. Dadurch sei die vermeintliche „Ruhe“ bei Fußballspielen geradezu erzwungen worden. Die Folge sei, dass die von einem Einsatz in den nächsten verschickt werdenden Bereitschaftspolizisten kaum noch Freizeiten oder gar freie Wochenenden genießen könnten. Es sei zunehmend schwierig für die Kolleginnen und Kollegen, überhaupt noch soziale Kontakte zu pflegen und aufrechtzuerhalten. Lennartz: „Wir wollen keine Polizei, die sich nur noch mit sich selbst unterhält.“

"Feindbilder ins Abseits": Der gemeinsam von DFB, DFL und GdP veranstaltete "Fußballgipfel" stieß auf ein überwältigendes Interesse. Foto: Zielasko

Verständnis habe er für die Klage vieler Fans über gelegentlich schlechte Reisebedingungen und nahm den Ball des BAG-Sprechers Beckmann auf. Es dürfe keine an „Viehtransporte“ erinnernden Umstände geben. Es könne ja niemanden ernsthaft verwundern, wenn Fans nach stundenlanger Anreise in einem Waggon ohne Toilette, sofort nach der Ankunft an einem Bahnhof ohne Toiletten, bereits auf dem Bahnsteig ihr Geschäft verrichten. Sollte sich dann noch ein Supermarkt in direkter Nähe befinden, führe dies zwangsläufig zu Konflikten, die aber die Polizei nicht verursacht habe, und: „Wir stehen dann in der Mitte und müssen das ausbaden.“

In Mönchengladbach, so Lennartz weiter, habe man einen Arbeitskreis gebildet, alle Parteien an einen Tisch geholt und die jeweils aufgetretenen Probleme vor und nach dem Spiel mit dem Ziel diskutierten, feste Absprachen zu treffen und damit Lösungen zu schaffen. Zwar sprächen die Parteien für viele, doch, wenn man ehrlich sei, müsse man sagen: „Die sogenannten erlebnisorientierten Jugendlichen, mutmaßliche ‚Zukunftsrandalierer‘, können wir nicht erreichen“. Diesem Kreis dürfe keine Kulisse gegeben werden und müsse vom Fußball ausgeschlossen werden.

Videoüberwachung im Stadion fragwürdig
Politikwissenschaftler Christoph Ruf, freier Journalist und Begründer und späterer Mitgesellschafter des Fußball-Magazins „Rund“ erzählte in seinem sehr pointierten Vortrag, er sei schon häufig mit der Polizei im Fußballeinsatz gewesen und es sei nicht jedermanns Sache, am Ende des Einsatzes mit dem vollgerotzten Rücken seiner Lederjacke da zustehen. Es sei bewundernswert, wie ruhig und besonnen die Beamten trotz des überaus selbstgerechten und provozierenden Verhaltens mancher Fans geblieben seien.

Doch der sich selbst als Fußball-Autisten charakterisierende Ruf drehte die Medaille: Polizeibeamte täten sich manchmal schwer damit, Fans als Menschen zu betrachten. Nicht nur dies empöre ihn. Die umfassende Videoüberwachung in den Stadien sei ein massiver Eingriff in die Grundrechte. Abrüstung auf polizeilicher Seite täte gut, doch das Gegenteil sei momentan der Fall: „Glauben Sie mir, in neun von zehn Spielen hätte ein Fünftel der anwesenden Polizei gereicht.“ Nicht klar sei zudem, ob es wegen oder trotz des Polizeieinsatzes friedlich geblieben sei.

Eine ausführliche Videoberichterstattung finden Sie nach dem Klick in das DFB-TV-Archiv.

Wie BAG-Sprecher Beckmann sprach sich Ruf für eine Kennzeichnung von Polizeibeamten aus. Korpsgeist, behauptete Fußballkenner Ruf, sei bei der Polizei kein unbekanntes Phänomen. Das passiere in seinem Berufsstand genauso. Journalisten würden sich schließlich auch nicht gegeneinander anschwärzen. Er appellierte: „Die Polizei sollte den Fans einen Vertrauensvorschuss gewähren. Erst wenn dieser missbraucht wird, muss die Repressionsschraube angedreht werden.“ Den Ultras empfahl er, ihr „paramilitärisches“ Auftreten aufzulockern. Aber: „Hochgerechnet auf die Zuschauerzahl, sind Fußballspiele das reinste Pazifistenfest“.

„Schön, dass ihr da seid!“
Etwas ernüchtert berichtete Jens Volke, hauptamtlicher Fanbeauftragter der Dortmunder Borussen, vor der abschließenden Podiumsrunde über die geringen Zugriffsmöglichkeiten seiner Kolleginnen und Kollegen auf die eigenen Fans. Volke: „Die Polizei erwartet zu viel, wenn sie glaubt, wir könnten den Fans irgendwelche Anweisungen erteilen. Wir sehen uns als Dolmetscher zwischen den Ultras und der Polizei. Das sieht zwar manchmal etwas albern aus, wenn wir zwischen den handelnden Personen hin und her laufen, aber wenn es hilft, tun wir es.“ Als Streitschlichter aber gerate man hin und wieder zwischen die Fronten. Auch er habe schon in einer Pfefferspraywolke gestanden.

Dass das Verhältnis der Fans und der deutschen Polizei offenbar nicht völlig zerrüttet ist, schilderte Volke anhand einer im Forum für Schmunzeln sorgende Begebenheit bei einem Auswärtsspiel der Borussen in Sevilla. Dort war, so Borusse Volke, von der spanischen Polizei regelrecht Jagd auf die schwarz-gelben Fans gemacht worden. Am Ende sei es zu „15 willkürlichen Festnahmen“ gekommen. Nur unter großen Schwierigkeiten habe er die Fans aus der Untersuchungshaft auslösen können. „Beim anschließenden Dortmunder Auswärtsspiel hätten wir beinahe die anwesende BFE umarmt und gesagt: ‚Schön, dass ihr da seid!‘.“ Diese Beispiel solle deutlich machen, dass in Deutschland ein richtiger Weg gegangen werde, wenn Jugendliche – wenn auch in Ultragruppen – überhaupt ins Stadion kämen. Volke, dessen westfälischer Arbeitgeber von Anhängern des FC Schalke 04 in folkloristischer Tradition gerne ins benachbarte Lüdenscheid verortet wird, nannte das „abschreckende“ Beispiel England. Dort seien die Jugendlichen durch exorbitante Ticketpreise aus den Stadien vertrieben worden. Nun tobten sie sich vor den Stadien aus und zögen ihre Raubzüge durch. Volke: „Zahnschmerzen werden in England durch das Kopf-ab-Prinzip behandelt.“

Ebenso seien organisierte Anreisen, wie in den Niederlanden üblich, geradezu skurril. So müsse ein in Enschede wohnender Fan des Erstligisten Ajax Amsterdam, dessen Team aber gegen Twente Enschede spielt, zunächst nach Amsterdam reisen, dann weiter nach Enschede, wieder zurück nach Amsterdam, um dann zu seinem Wohnort in Enschede zurückzufahren.

Als in der Reihenfolge letzter Referent des Kongresses vor der abschließenden Podiumsrunde brach Volke eine weitere Lanze für die Ultrabewegung. Er zitierte die Gedanken eines italienischen Ultra, der dort in der Gruppe „einzigartige Gemeinschaftsgefühle“ erlebt habe. Fanbeauftragter Volke: „Die Ultrabewegung leistet kostenlose Jugendarbeit.“

Feuer und Flamme
Gemeinsam mit den 300 Kongress-Gästen Bilanz ziehen wollte die abschließende Podiumsrunde, an der neben dem GdP-Bundesvorsitzenden, der DFB-Sicherheitsbeauftragte Helmut Spahn, DFL-Geschäftsführer Holger Hieronymus, Michael Gabriel, Leiter der Koordinationsstelle Fanprojekte (KOS) und Wilko Zicht vom Bündnis aktiver Fußballfans (BAFF) teilnahmen. Ohne größeres Geplänkel nahm die Diskussion Fahrt auf und konfrontierte das Podium mit einem für Ultras elementaren Thema; dem Abrennen von Pyrotechnik im Stadion.

In der Vorrunde dieser Saison habe es in höheren deutschen Ligen so viele „pyrotechnische Vorfälle“ gegeben wie in der gesamten vorigen Spielzeit, sagte Helmut Spahn. Er räumte ein, dass dieses Sicherheitsproblem mit Polizei und Ordnungskräften allein nicht in den Griff zu bekommen sei. Der DFB sei bereit, unter Einbeziehung aller Beteiligten in einer ergebnisoffenen „AG Pyro-Technik“ auszuloten, was möglich sei.

Heißes Thema Pyrotechnik: (v l.) Michael Gabriel, Leiter der Koordinationsstelle Fanprojekte (KOS), Wilko Zicht vom Bündnis aktiver Fußballfans (BAFF), DFL-Geschäftsführer Holger Hieronymus, GdP-Bundesvorsitzender Bernhard Witthaut, der DFB-Sicherheitsbeauftragte Helmut Spahn und Moderator Sascha Kalupke. Foto: Holecek

Als direkte Antwort auf die Einlassung des DFB-Sicherheitschefs überreichte eine Vertreterin der von 55 Ultra-Gruppen initiierten Kampagne „Pyrotechnik legalisieren – Emotionen respektieren“ Spahn ein Manifest, das nunmehr den Weg zum Kompromiss weisen soll. Spahn nahm dankend an, schränkte aber ein, dass die Gesprächsbereitschaft des DFB nicht als ein „ja“ zu deuten sei.

DFL-Geschäftsführer Holger Hieronymus betonte die Verantwortung der Klubs für die Sicherheit aller Zuschauer und wies auf die baulichen Veränderungen der Stadien zu mehr oder weniger geschlossenen Arenen hin. Während in den alten, offenen Stadien der unvermeidliche Qualm nach oben ungehindert abziehen konnte, so bildeten die komfortablen Überdachungen moderner Arenen heute schwer zu überwindende Hindernisse. Gänzlich sperren wollte sich Ex-Profi Hieronymus aber nicht gegen die „südländische Stimmung“ in den Kurven. Er wisse aber, als Spieler bekomme man von dem Feuerzauber eher wenig mit, da man zu sehr mit dem eigentlichen Spiel beschäftigt sei.

GdP-Chef Witthaut zeigte sich skeptisch: „Vielleicht kann man wirklich in einem Stadion einen Raum schaffen, wo man ein bengalisches Feuer abbrennen darf. Momentan lehnt die Polizei das unkontrollierte Abbrennen von Pyrotechnik im Stadion ab. Bengalos werden als eskalierendes Element eingestuft.“ Die Sicherheit der Zuschauer, aber auch der Polizei- und Ordnungskräfte müsse jederzeit gewährleistet sein.

Wilko Zicht vom Bündnis aktiver Fußballfans (BAFF) plädierte unmissverständlich für eine Legalisierung des Abrennens von Pyrotechnik im Stadion. Nicht zuletzt würden dadurch die zweifelhaften Personenkontrollen vor den Stadiontoren wegfallen. Es könne ja nicht sein, dass sich in Zelten weibliche Fans nackt ausziehen müssten, nur um sicher zu gehen, dass sich im BH kein Bengalo befinde.

Michael Gabriel, oberster Fanprojektler Deutschlands, wertete den nun beginnenden Pyro-Dialog als Riesenchance, mehr Verständnis füreinander zu entwickeln.

Knackpunkte Kennzeichnung und Stadionverbote
Während sich also bei der Pyrotechnik zumindest Verband und Fans aufeinander zu bewegten, gelang dies Polizei und Ultras bei den Knackpunkten Kennzeichnung von Polizeibeamten und Stadionverboten nicht. Unvereinbar standen die erneut vorgetragene Fan-Forderung nach einer Kennzeichnungspflicht für die eingesetzten Polizeibeamtinnen und -beamten der kompromisslosen Ablehnung dieses Vorschlags durch GdP-Chef Witthaut gegenüber.

Auch beim Thema „Stadionverbote“ scheint eine Lösung noch in weiter Ferne. Während die Fans die Abschaffung dieser Sanktion forderten, plädierte Witthaut für eine konsequente Anwendung und ein Transportverbot für solche Problemfans. Das wiederum rief einen Fan des Berliner Zweitligisten Union Berlin auf den Plan. „Fans sind auch Bürger, Stadionverbote sind Ausgrenzung und Transportverbote zu kurz gedacht“, rief er dem Podium und dem Forum zu.

Es gibt also noch einiges zu bereden. Aber genau das soll ja auch passieren, wenn man sich denn wieder trifft, um dem ersten Schritt den zweiten folgen zu lassen.