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Als junge Polizistinnen und Polizisten sind wir in unserem Dienst täglich mit dem steigenden Gewaltpotential in unserer Gesellschaft konfrontiert. Die Ursachen hierfür sind vielfältig. Doch besonders deutlich ist der Zusammenhang zwischen frühen Gewalterfahrungen von Kindern und Jugendlichen und ihrer eigenen Gewaltpraxis: Gewalt wird in der Familie gelernt - davon gehen zahlreiche Forschungsbefunde fest aus.

Gewaltbereitschaft und Gewaltverhalten von Kindern und Jugendlichen sind Ergebnis von Wechselwirkungen zwischen Risiko- und Schutzfaktoren. Dabei ist die Beziehung zwischen Eltern und Kindern von herausragender Bedeutung. Denn Kinder, die in der Familie Gewalt gegen sich oder zwischen den Eltern erleben, verarbeiten diese Erfahrungen in ihren sozialen Lernprozessen: Sie nehmen ihre Mitmenschen eher als ihnen feindlich gesonnen wahr, können ihre eigenen Gemütsregungen nur unzureichend kontrollieren und sind nicht in der Lage, konstruktiv und deeskalierend mit Konflikten umzugehen. So geprägte Kinder neigen auch später stärker zu aggressivem Verhalten und betrachten Gewalt als geeignetes Mittel zur Austragung von Konflikten.

Obwohl elterliche und Partnergewalt in allen sozialen Schichten zu beobachten sind, ist ihr Auftreten nicht unabhängig von der wirtschaftlichen und sozialen Lage der Familien. Wo das Selbstwertgefühl durch Arbeitslosigkeit gering und die finanziellen Mittel durch sozialstaatliche Zuwendungen knapp sind, erhöht sich die Wahrscheinlichkeit erheblich, dass Auseinandersetzungen mit Kindern oder Partnern gewaltförmig beendet werden. So belastete Eltern können ihren Kindern eines nicht bieten: eine sichere positive emotionale Bindung als Voraussetzung zur Entwicklung von Selbstsicherheit, zwischenmenschlichem Vertrauen und sozialer Kompetenz.

Gewaltbelastetes elterliches Erziehungsverhalten wird von einer Generation auf die nächste übertragen. Aus dem engen Zusammenhang zwischen Gewalterfahrungen und späterer Züchtigungspraxis entsteht daher ein Kreislauf der Gewalt, der durch die gesellschaftlich bedingte Abgeschlossenheit der Familie gegenüber ihrer Umwelt von außen nur schwer zu durchbrechen ist.

Mit großem Einsatz und aufwendiger Überzeugungsarbeit ist dies unseren skandinavischen Nachbarn dennoch gelungen. Besonders erfolgreich war Schweden, wo 1979 körperliche Gewalt und jedes entwürdigende Verhalten gegenüber Kindern per Gesetz verboten wurde - allerdings ohne neue Sanktionen zu schaffen. Ziel war es, die gesamte Bevölkerung für das Problem zu sensibilisieren, um die Betroffenen mit Hilfsangeboten unterstützen zu können. Mit einer breit angelegten Medienkampagne sollten alle Einwohner des Landes unabhängig von Geschlecht, Alter, sozialem Status und Muttersprache erreicht werden. Dazu wurden zahlreiche Materialien erstellt, die in allen Sprachen der Einwanderer zur Verfügung standen. Doch der effektivste Werbeträger für gewaltfreie Erziehung stand in schwedischen Familien bei jeder Mahlzeit auf dem Tisch: Zwei Monate lang prangten die Themen der Neuregelung auf alle Milch-Flaschen und Tetra-Packs im ganzen Land. Nach nicht einmal zwei Jahren kannten 99 % der schwedischen Bevölkerung das neue Gesetz. Die Anwendung von Gewalt gegen Kinder hat in Schweden stark abgenommen und liegt heute weit unter dem Niveau Deutschlands. Und junge schwedische Eltern sehen sich heute von Anfang an sehr viel selbstverständlicher als Vorbild in der Erziehung ihrer Kinder.

Auch in Deutschland sind die rechtlichen Rahmenbedingungen gegeben. Doch es mangelt an erfolgreicher Überzeugungsarbeit, die das Verbot der Gewalt in der Erziehung im Bewusstsein aller gesellschaftlichen Gruppen verankert.

Als junge Polizistinnen und Polizisten in der GdP fühlen wir uns verpflichtet, hierzu unseren Beitrag zu leisten. Wir werben für eine gewaltfreie Erziehung - unter unseren Kolleginnen und Kollegen, bei den Menschen, mit denen wir in unserem täglichen Dienst zu tun haben, und bei den politischen Entscheidungsträgern:
  • Die JUNGE GRUPPE (GdP) fordert die Vertreter der Medien auf, sich für die Ächtung der Gewalt in der Erziehung einzusetzen. Sie sollten künftig auf die Skandalisierung schwerer Einzelschicksale verzichten, die nur die Sensationslust des Publikums bedient. Stattdessen sollten die Medien dazu beitragen, das Thema "Gewaltfreie Erziehung" nachhaltig in den Kommunikationskreislauf zu bringen, sachgerecht und kontinuierlich über die Gefahren einer repressiven Erziehung für Individuum und Gesellschaft berichten und positive Entwicklungsmöglichkeiten aufzeigen.
  • Wir erwarten von der Bundesregierung, dass sie Länder und Kommunen bei der Umsetzung der von ihr initiierten Änderung des § 16 Abs.1 VIII. SGB unterstützt. Darin werden die Jugendämter ausdrücklich aufgefordert, Betroffenen Wege aufzuzeigen, wie Konfliktsituationen in der Familie gewaltfrei gelöst werden können. Dazu sind konkrete, niedrig schwellige Angebote der Jugendhilfe unverzichtbar. Sie dürfen nicht an den finanziellen Grenzen von Bund, Ländern und Kommunen scheitern. Denn jede Mark, die früher investiert wird, kann später mehrfach eingespart werden.
  • Die JUNGE GRUPPE (GdP) geht davon aus, das die politischen Entscheidungsträger aus Bundes- und Landesebene alles daran setzen, durch gezielte Politik die soziale Lage der Familien zu verbessern. Denn die Familien sind der Transmissionsriemen, über den die Knappheit der sozialen und ökonomischen Ressourcen ihre Wirkung auf Kinder entfalten kann - mit dramatischen Konsequenzen für die gesamte Gesellschaft.
  • Wir möchten die Rechte der Kinder stärken; sie müssen in der Gesellschaft als eigenständige Träger von Grundrechten mit eigenen unveräußerlichen Rechten anerkannt werden. Zur Entwicklung eines solchen Bewusstseins in der Bevölkerung kann die Kinderkommission des Deutschen Bundestages mit ihrer Forderung nach einem Bundeskinderbeauftragten einen wichtigen Beitrag leisten.
  • Kinder müssen in einer Atmosphäre aufwachsen, in der sie angstfrei ihre Ansichten äußern können - und in der die Bewältigung eines Konfliktes an der Frage der besten Lösung orientiert ist und nicht an der Frage, wer stärker ist. Erfolgreiche Modelle der gewaltfreien Konfliktbewältigung in der schulischen und außerschulischen Bildung wurden bereits entwickelt. Die JUNGE GRUPPE (GdP) fordert daher deren flächendeckende Umsetzung und deren Weiterentwicklung sowie die gezielte Aus- und Weiterbildung von Pädagoginnen und Pädagogen.
  • Auch in der Polizei sieht die JUNGE GRUPPE (GdP) großen Handlungsbedarf: Gewalt gegen Kinder muss stärkere Beachtung in der polizeilichen Präventionsarbeit finden und zu einem ihrer Schwerpunkte werden. Die Zusammenarbeit mit den Institutionen der Jugend muss verstärkt, gegenüber Pädagoginnen und Pädagogen muss Vertrauensarbeit geleistet werden. Jeder einzelne Polizist, jede einzelne Polizistin muss durch Information und verbesserte Aus- und Fortbildung für Gewalt gegen Kinder sensibilisiert werden, so dass sie in kritischen Situationen über ausreichende Kenntnisse verfügen und sozial kompetent agieren können.
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