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VDP-Autor Peter Jamin: Kerker-Tragödie in Österreich ist Folge der Ignoranz der Behörden

Düsseldorf.

Peter Jamin (57) klagt über das „erschreckende Desinteresse an der Vermisst-Problematik sowohl in Bundes- und Landesministerien wie auch in den Kommunen.“ In seinem jüngsten Sachbuch „Vermisst - und manchmal Mord“ beweist Jamin, dass sich in Deutschland nicht eine Behörde außer der Polizei um Vermisstenfälle kümmert: „Die alleinige Verantwortung für die Vermisstenfälle wird Polizisten überlassen, die dafür nicht ausgebildet wurden. Den Mitarbeitern der Polizei in meist personell überbelasteten Dienststellen wird hier auftragswidrig eine nicht zu bewältigende Arbeit aufgehalst. Experten etwa aus den kommunalen Sozialbehörden wiederum haben keine Ahnung, wie sie mit den Vermisstenfällen umgehen sollen. Deutschlands wie Österreichs Sozialpolitik versagen hier auf ganzer Linie.“


 So hätten die österreichischen Sozialbehörden spätestens aufhorchen und sich intensiv kümmern müssen, als die zunächst vermisste Tochter nach Angaben des Vaters angeblich in einer Sekte untergetaucht sei und er deren Kinder in Obhut genommen habe.

Jamin: „Nach den Gründen für das Verschwinden von Kindern zu fragen, ist genau so wichtig wie nach ihnen zu suchen; vielfach hauen Kinder von zuhause ab, weil sie dort misshandelt oder vergewaltigt wurden.“

Peter Jamin: Vermisst - und manchmal Mord (ISBN 978-3-8011-0538-9 )

Kerkeropfer Elisabeth F. war bereits mit 16 Jahren vor den Vergewaltigungen ihres Vaters geflüchtet.

Jamin berichtet von einem Fall in Duisburg. Dort habe man vor Jahren die Schilderung eines Mädchen, das im Alter von 17 Jahren von einem Unternehmer-Ehepaar entführt und eineinhalb Jahre in einem Verlies unter einem Swimmingpool eingekerkert und gefoltert worden war, zunächst einfach ignoriert. Erst nach Tagen ermittelten engagierte Kripo-Beamte den wahren Sachverhalt. In einem anderen Fall wurde ein damals 20-jähriges Mädchen aus Süddeutschland während des Urlaubs auf Ibiza von Mädchenhändlern entführt; bis heute verschleppt die zuständige Staatsanwaltschaft in Köln den Fall. Jamin: „ Da sind Riesenpannen passiert. Wäre etwa eine Sozialbehörde zusätzlich in den Fall eingeschaltet, könnte die Staatsanwaltschaft nicht so einen haarsträubenden Fall einfach unter den Tisch kehren.“

Politik und Behörden befassen sich nach Meinung von Jamin nicht mit den Vermisstenfällen, weil sie - bei jährlich 100.000 Vermisst-Registrierungen und etwa 500.000 Angehörigen von Vermissten - den hohen organisatorischen und finanziellen Aufwand scheuen. Jamin: „Da nimmt man lieber ein paar Kerker- und Entführungsopfer in Kauf.“

Peter Jamin ist der einzige Vermisst-Experte in Deutschland außerhalb der Polizei. Seit rund 15 Jahren befasst er sich in Artikeln, Büchern und Filmen mit Vermisstenfällen; darüber hinaus berät er ehrenamtlich betroffene Angehörige. Das Magazin „Kriminalistik - Zeitschrift für die kriminalistische Wissenschaft und Praxis“ bescheinigte Jamin gerade erst „herausragendes Fachwissen auch über polizeiliche Vorschriften, Handlungszwänge und Nahtstellenprobleme ... sowie das nötige Einfühlungsvermögen und die erforderliche Standfestigkeit zur Untermauerung berechtigter Forderungen in Richtung Gesellschaft, Polizei und besonders Politik“.