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Bundespolizei im Berliner Hauptbahnhof nimmt es mit 300 000 Reisenden auf

Polizeikommisar Horst Meyerhoff an seiner Wirkungsstätte: dem neuen Berliner Hauptbahnhof.
Berlin.

Staunen und Ratlosigkeit steht in den Gesichtern der Besucher und Reisenden im neuen Berliner Hauptbahnhof. Allein in der ersten Woche seit seiner Eröffnung Ende Mai kamen 7 Millionen, um das imposante Bauwerk zu bewundern oder zu kritisieren. Einige Hunderttausend davon suchten, was auf Bahnhöfen normalerweise so gesucht wird: die Zugverbindung, die Toiletten, die Gepäckaufbewahrung, den Ausgang. Von diesen wiederum haben die Kollegen der Bundespolizeiinspektion die meisten persönlich kennen gelernt. „Erstaunlich wenig Kriminalität, rund 80 Prozent Auskunftsersuchen“, zieht Inspektionsleiter Polizeioberrat Dirk Fleischer Bilanz.

 

 In dem lichtdurchfluteten Gebäude haben Dirk Fleischer und seine Mannschaft einen nahezu unbehinderten Blick auf alle Ebenen und in alle Himmelsrichtungen. Das gilt auch umgekehrt. Die Dienststelle der Bundespolizei ist voll verglast, mit wenigen Ausnahmen. Richtig ungestört sitzt man nur in den zwei Zellen des Gewahrsams und im Aufenthaltsraum der
Diensthunde. „Die Transparenz ist ungewohnt, aber wir haben ja nichts zu verbergen“.

Zutritt für vier Pfoten: der Aufenthaltsraum für Diensthunde.
 
 
Von den zahlreichen kleinen und größeren Mängeln, die, so hoffen es alle Beteiligten, lediglich der zeitgerechten Fertigstellung geschuldet sind und nach und nach abgestellt werden, ist auch die Bundespolizei betroffen. Umkleideräume für die Kolleginnen und Kollegen gibt es in dem Super-Bahnhof nicht, sondern ein paar hundert Meter weiter in angemieteten Räumen.

Inspektionsleiter POR Dirk Fleischer (2.v.l.) mit Kollegen der neuen Dienststelle im neuen Hauptbahnhof.
 
 
 Der Weg dorthin ist ein Gang durch das tägliche Verkehrschaos vor dem Haupteingang. Parkplätze fehlen, das Parkhaus ist kaum ausgeschildert und die Bahnhofsvorfahrt gleicht der eines Mittelklassehotels. Die Eigenart der Berliner, überallhin mit dem Auto zu fahren, auch zum Zug, und Verkehrsregeln und -zeichen eher als grobes Orientierungsangebot aufzufassen, tut ihr Übriges. Das Geschehen vor dem Haupteingang hat bereits den Eventcharakter, den die Rückseite, der Washingtonplatz, mit seiner Aussicht auf das Regierungsviertel noch bekommen soll. Auch das dauert in Berlin nicht lange und die ersten Veranstalter von Pop-Konzerten haben schon mal nachgefragt. Wann die ersten Initiatoren von Demos den Bahnhof als Aufmarschplatz und Endpunkt für einen der täglichen
 
Umzüge entdecken, ist für Inspektionsleiter Fleischer nur eine Frage der Zeit. Der Berliner Hauptbahnhof ist schon jetzt eine Sehenswürdigkeit und hat seinen festen Platz in den Programmen von Reiseveranstaltern und Stadtrundfahrten.

Das wird sich auch zunächst einmal nicht ändern, vor allem nicht in den Wochen der Fußballweltmeisterschaft. Erst danach soll es ruhiger werden und die Planer rechnen nur noch mit über 300 000 Reisenden und Besuchern täglich, was nicht einmal ganz der Einwohnerzahl der Stadt Wuppertal entspricht.

 
 300.000 Reisende täglich haben Fragen, benötigen Hilfe, geraten in Not. Wenn auch die in die Jahre gekommenen „Kinder vom Bahnhof Zoo“ noch nicht sofort mit zum ehemaligen Lehrter Bahnhof, wie der Berliner Hauptbahnhof früher hieß, umgezogen sind und die moderne Architektur ohne verborgene Winkel und dunkle Ecken für lauschige Saufgelage und Drogendeals wenig geeignet ist, wird die Alltagskriminalität Einzug halten. Besucherströme und Menschenansammlungen dieser Größenordnung sind nun mal eine zu verführerische Beute für Diebesbanden.

Polizeikommisar Horst Meyerhoff führt ausländische Gäste auf den richtigen Weg.
 
Zwar stehen zu besonderen Anlässen drei bis vier Hundertschaften zur Unterstützung bereit, aber an normalen Tagen ist es nicht ganz einfach auf der 70 000 Quadratmeter großen Geschoßfläche die nötige polizeiliche Präsenz zu zeigen.

Angesprochen wird also jeder, der Uniform trägt und der Reisende muss schon sehr genau hinschauen, mit wem er es zu tun hat: Bahn-Service, Bahn-Sicherheit oder Bundespolizei. Praktischerweise sind alle Uniformen blau. Und nicht nur das: Zur Überraschung der Bundespolizei präsentierte sich die private Bahnsicherheit am Eröffnungstag in den gleichen Uniformen. Das Bundesinnenministerium hatte der Bahn die Genehmigung erteilt, die originale „Alltagsdienstuniform“ auch für den Sicherheitsdienst anzuschaffen. Dafür hatte das Bundesinnenministerium sogar auf die Musterrechte verzichtet.
 
 
 
(v.l.) Probesitzen in einem Büro der neuen Dienststelle: Die Kollegen des Bezirkspersonalrates beim Bundespolizeipräsidium Ost Manfred Kirchhoff und André Bibo mit Inspektionsleiter Dirk Fleischer.
 
 


"Who is Who" der Uniformen?

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Das rief unverzüglich die GdP auf den Plan. Josef Scheuring, Vorsitzender des GdP-Bezirks Bundespolizei: „Wir lehnen es grundsätzlich ab, dass staatliche Uniformen, die staatliches Hoheitshandeln zum Ausdruck bringen zu einer Jedermannskleidung umfunktioniert werden dürfen. Gerade das Auftreten und die Wahrnehmung von Polizei in einem demokratischen Rechtstaat müssen frei von jeglicher Anmaßung und Täuschung sein. Experimente sind in diesem ganz wichtigen Demokratiebereich vollkommen unakzeptabel und wir gehen davon aus, dass das der Bundesminister des Innern als Verfassungsminister das überhaupt nicht anders sehen kann“.

Die Proteste hatten Erfolg: Wie das Bundesinnenministerium am 6. Juni 2006 per Rundschreiben ankündigte, soll nunmehr „kurzfristig“ ab Mitte Juli mit zunächst mehreren hundert weißen Polizeimützen eine neue Kopfbedeckung zur blauen Uniform der Bundespolizei eingeführt werden.
 
Eine weitere Belieferung erfolge im September. An erster Stelle werden die Bahnpolizeidienststellen vor allem in Berlin, Hamburg, Hannover und Frankfurt/Main ausgestattet, weil dort die Gefahr der Verwechslung mit privaten Wachschützern der Bahn am größten ist.

Um „die Erkennbarkeit von blau uniformierten Bundespolizeiangehörigen in der Öffentlichkeit deutlich zu erhöhen“ will das Bundesinnenministerium nunmehr auch der Forderung der Gewerkschaft der Polizei nachkommen und die Uniformen mit dem Schriftzug „Polizei“ versehen lassen. Scheuring: „Wir haben nichts gegen Kooperation mit den Bahnleuten im Alltagsdienst. Wir haben aber etwas dagegen, wenn private Wachdienste Polizeiuniformen tragen.“ Was den Tragekomfort betrifft, so hat die Uniform ihre Bewährungsprobe noch vor sich.

Der „Palast der Züge“, wie die Bahn ihn nennt, ist eher ein „zugiger Palast“, wie die Kollegen erfahren mussten. Noch weiß niemand genau, welche Temperaturen sich bei dauerhafter Sonneneinstrahlung unter dem riesigen Glasdach entwickeln werden und ob ein Regenwaldeffekt nicht für den einen oder anderen Schauer sorgen wird. Dann ist der Berliner Hauptbahnhof um eine weitere Attraktion reicher.


Text und Fotos (8): Rüdiger Holecek