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PD Offenburg geht eigene Wege zur Berufszufriedenheit

Ohne Knoten im Magen morgens zur Dienststelle

von Rüdiger Holecek

Offenburg.

Arbeitsverdichtung, Personalmangel, Zeitdruck, kaum noch zu überblickende technische Entwicklung, komplexer werdende Aufgaben und Verantwortung, Umstrukturierungen und Reformen gehen an den Polizeibeschäftigten nicht spurlos vorbei. Mobbing, Motivationsverlust, innere Kündigung, Burnout bis hin zu organischen Erkrankungen sind die Folgen. "Ich freu’ mich aufs Büro", den Slogan, mit dem vor Jahren ein Technologieunternehmen warb, empfanden viele Menschen als reinen Hohn.

Die Themen Berufszufriedenheit und Arbeitsklima in der Polizei beschäftigen immer wieder die Gewerkschaft der Polizei in Gremien, auf Arbeitstagungen und Veröffentlichungen in DEUTSCHE POLIZEI. Wie in der gesamten Arbeitswelt erhalten Berufszufriedenheit und Arbeitsklima auch in der Polizei immer schlechtere Noten. Annähernd jeder Fünfte hat die innere Kündigung bereits vollzogen, so eine Studie des Gallup-Marktforschungsunternehmens.

"Die Berufszufriedenheit", so stellte Thomas Feltes schon vor vielen Jahren fest, "ist ebenso wie das Selbstverständnis der Polizei von entscheidender Bedeutung nicht nur für die praktische Tätigkeit der Polizei, sondern für die generelle Bewertung des polizeilichen Handelns…" Feltes, ehemaliger Rektor der Fachhochschule Villingen-Schwenningen und heutiger Inhaber des Lehrstuhls für Kriminologie, Kriminalpolitik, Polizeiwissenschaft an der juristischen Fakultät der Ruhr-Universität kommt zu dem Schluss: "Die Berufszufriedenheit beeinflusst entscheidend Motivationsgrad und Produktivität." Eine Polizeidirektion in Baden-Württemberg suchte ihren eigenen Weg aus dem Dilemma.

Die PD Offenburg: ein ehemaliges Militärgebäude der französischen und deutschen Streitkräfte.


Eine andere Polizeiwelt
"Sicherheitspartner", "Recht und Gesetz", "Toleranz", "Vertrauen", "Kompetenz" – diese festverschraubten Grundsätze am Eingang lassen den Besucher des Dienstgebäudes in der Prinz-Eugen-Straße in Offenburg ahnen, dass er hier eine andere, als die gewohnte Polizeiwelt betritt.

In den Fluren des ehemaligen Militärgebäudes der deutschen und der französischen Streitkräfte empfängt ihn eine freundliche und lichtdurchflutete Atmosphäre und – ist er Teil einer angemeldeten Besuchergruppe – eine namentliche Begrüßung auf großen Flach-Bildschirmen.

Transparenz in der Chefetage
Glaswände erlauben den Blick in jedes einzelne Büro. Nirgendwo mit Heftzwecken oder Tesa befestigte Ansichtskarten, die an den Wänden vor sich hingilben, keine Topfplanzenausstellung, die vor sich hintrocknet, kein verklebter Kaffeekocher auf dem Fensterbrett.

Niemand scheint es zu stören, bei der Arbeit beobachtet zu werden. Auch nicht den Hausherrn selbst, Reinhard Renter, Leiter der Direktion. Während in vielen Unternehmen die Transparenz vor der Chefetage endet, sitzt der Leitende Polizeidirektor für jeden sicht- und ansprechbar hinter Glas in seinem Büro, das nicht größer und nicht kleiner ist, als die Räume seiner Mitarbeiter.

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Rüdiger Seidenspinner, baden-württembergischer GdP-Vorsitzender und der GdP-Bundesvorsitzende Konrad Freiberg verfolgen fasziniert den Vortrag des PD-Leiters.
Harmonie
Der größte Teil des Eindrucks, den eine Umgebung macht, entsteht, vom Menschen völlig unbemerkt, im Unterbewusstsein. In der Polizeidirektion Offenburg fühlt sich das Unterbewusstsein pudelwohl. "Feng Shui", sagt Reinhard Renter, "nach strengen Regeln."

Ziel dieser Lehre ist eine Harmonisierung des Menschen mit seiner Umgebung, die durch eine besondere Gestaltung der Wohn- und Lebensräume erreicht werden soll. Auf den beruflichen Bereich angewendet bewirkt Feng Shui, so sagen seine Anhänger, einen geringeren Krankenstand, weniger Reibereien zwischen den Mitarbeitern und eine höhere Leistungsbereitschaft.

Renter schaut auf die Wände: "Hier darf nicht jeder aufhängen, was er will."

Die "verzeihende Organisation"
Der hochgewachsene, jungenhaft wirkende Badener bittet in den Besprechungsraum. Dort rieselt leise Musik. In der Besuchergruppe werden Blicke gewechselt.

Was folgt ist ein furioser Vortrag über ein Führungs- und Steuerungssystem mit einem Feuerwerk an provozierenden Behauptungen: "Wir sind eine verzeihende Organisation. An einem Fehler interessiert uns nur, wie er künftig vermieden werden kann", "Mitarbeiterpotential erkennen und nutzen", "Verbindung aus Begeisterung und Stolz schaffen", "Wissen und Erfahrung offen legen, um hohe Standards zu erreichen". Und immer wieder "Anforderungen an die Führungskräfte".

PD-Leiter Renter: "An einem Fehler interessiert uns nur, wie er künftig vermieden werden kann"
Schweige-Stunden
Die Führungskräfte haben es der Führungskraft Renter besonders angetan. „Ihre Aufgabe ist es, für ein positives Betriebsklima zu sorgen, dafür werden sie bezahlt.“

Mit einem gelegentlichen Kegelabend ist es dabei nicht getan. Vorgesetzenbeurteilungen durch Mitarbeiterbefragungen sind an der Tagesordnung.

Alle Ergebnisse werden gewissenhaft in ein umfangreiches Programm eingegeben, zu Rankings berechnet, bis hinein in die Reviere und Posten. In jährlichen Tagungen legen Renter und sein Stab immer wieder neu die strategischen Ausrichtungen

für Qualitätsmanagement, Personalmanagement, Haushaltsmanagement und die Arbeitsschwerpunkte für das nächste Jahr fest.

Auch mit der 120 Mitarbeiter umfassenden "zweiten" Führungsebene zieht sich Renter einmal im Jahr in ein Hotel der gehobenen Klasse zurück ("Keine Jugendherberge, Wertschätzung!"). Die Teilnehmer leisten grundsätzlich einen eher symbolischen Eigenanteil als kleine Bringschuld. Immer wieder werden die Problemfelder "Führung" und "Arbeitsqualität" beackert, Rolle und Funktion im Bereich der Konflikthandhabung trainiert, Jahresziele festgelegt und Zielvereinbarungen getroffen. In Einkehrseminaren werden spirituelle Möglichkeiten erforscht, Wege zu sich selbst gesucht, Schweige-Stunden genossen.

"Da hat es bei mir geklickt"
Renter gibt es zu: "Ich war einmal auf einem hochkarätigen Führungsseminar. Da hat es bei mir geklickt."

Die Teilnehmer der Besuchergruppe sehen sich an. Man kennt die Wirkung auf sich selbst, wenn der Chef von einem Seminar zurückkommt. Nur, dass dieser es hier langfristig ernst meint und die gewonnenen Einsichten unbeirrt umsetzt. Leicht vorstellbar, wie viel Spott hinter vorgehaltener Hand, wie viele Witze auf sein Konto gingen.

Die Bewunderung für den Mann wächst. "So eine Vorgesetztenbeurteilung über sich ergehen zu lassen, ist nicht einfach. Den Spiegel vorgehalten zu bekommen und die krasse Diskrepanz zwischen Eigen- und Fremdwahrnehmung zu ertragen, kann schlaflose Nächte kosten. Aber man muss daran arbeiten, damit es beim nächsten Mal besser wird. Dafür werden wir, auch ich, bezahlt."
Lebhaftes Interesse: GdP-Bundesvorsitzender Konrad Freiberg
mit detailierten Nachfragen.

Bei manch einer Führungskraft dürfte der Wohlfühlfaktor in der Umsetzung dieser Führungs- und Steuerungssysteme trotz Feng Shui wohl gegen Null tendiert haben. Diese Zeiten sind wohl vorbei.

Wie waren Sie mit Ihrer Festnahme zufrieden?
Wenn es nach Reinhard Renter geht, soll sich jeder beurteilen lassen, auch die Polizei an sich. Eine Bürger- und Medienbefragung soll sie spiegeln. "Auf jedem Hotelzimmer liegt so ein Fragebogen, auf dem der Gast ankreuzen soll, was ihm gefallen hat, und was nicht. Was spricht dagegen, dass wir Polizisten nach jeden Einsatz so etwas machen. Auch wenn ein Verkehrsteilnehmer sanktioniert werden muss, so kann ihm das im Ergebnis zwar nicht gefallen, aber er kann schon sagen, ob die Polizei das höflich, korrekt und vor allem einsehbar gemacht hat. Allein schon die Tatsache, dass er überhaupt danach gefragt wird, dürfte das Verhältnis zwischen Bürger und Polizei verbessern."

Plötzlich ist die Vorstellung gar nicht mehr so absurd, dass ein Festgenommener auf dem Weg zur Untersuchungshaft oder der Betrunkene nach einer Nacht in der Ausnüchterungszelle aufschreibt, was ihm an der Polizei gefallen hat und was nicht.

Reinhard Renter wird keine Ruhe geben und mit seinem Ideen und Vorstellungen weiter für Unruhe bis hinauf ins Ministerium sorgen. Die PD Offenburg hat bewiesen, dass Steuerungsinstrumente und Kennzahlen einerseits und Mitarbeiter- und Kundenorientierung andererseits kein Widerspruch sind, wie vielerorts behauptet wird. Ja, dass sie sich sogar einander bedingen (wenn man’s richtig macht). Und es ist tatsächlich vorstellbar, dass im Wirkungsbereich der PD Offenburg eines Tages niemand mehr morgens mit einem Knoten im Magen, sondern jeder mit Freude zur Arbeit kommt. Warum sollte das nicht überall so sein?

(v.l.o.) Thomas Mohr (GLV-GdP-BW), Lothar Adolf (stv. Landesvorsitzender GdP-BW), KOR Roland Haug (stv. PD-Leiter und Leiter Kripo), Rolf Kircher (GLV-GdP-BW), Reinhard Grußeck (GdP-KG-Ortenaukreis)

(v.l.m.) Rüdiger Holecek (Pressesprecher GdP-Bundesvorstand), Rüdiger Seidenspinner (Landesvorsitzender GdP-BW), POR Christian Dettweiler (FEStE)

(v.l.u.) Christina Falk (GLV-GdP-BW), Konrad Freiberg (GdP-Bundesvorsitzender), Lt. PD Reinhard Renter (PD-Leiter). Foto: PD Offenburg


Fotos (3): Rüdiger Holecek, Fotos (4): PD Offenburg