Kriminalpolizei München – anders als die Anderen ? Gedanken zur kriminalpolizeilichen Arbeit im Ballungsraum

„Herr Kollege, hör’ns ma bloß mit München auf, sie verderben mir nur die anderen Kollegen...!“ Diesen Satz musste ich mir einst auf der Beamtenfachhochschule mehr als einmal anhören, wenn ich in Kriminalistik- oder Einsatzlehre-Vorlesungen von den Verfahrensweisen beim PP München berichtete. Und auch wenn die Bemerkung des Dozenten als Scherz gedacht war, zeigt sich schon in an diesem kleinen Beispiel, dass die kriminalpolizeiliche Arbeit in einem Ballungsraum nicht mit den Gegebenheiten auf dem flachen Landin der Fläche zu vergleichen ist. Uns Münchner Kriminalbeamten wird oft von den Kollegen aus der Fläche vorgeworfen, wir wollten immer alles anders und besser machen.Es geht dabei auch gar nicht um die Frage, ob Fläche oder Ballungsraum bessere oder schlechtere K-Arbeit leisten. Dabei Es sind es ganz einfach die tatsächlichen Gegebenheiten, die in einem Ballungsraum mit einem Einzugsbereich von über 1,6 Millionen Einwohnern andere Organisationsformen und Verfahrensweisen als als in der Fläche erfordern. Und nicht umsonst ist München im internationalen Vergleich eine der sichersten Millionenstädte.

Entwicklung der Kriminalität allgemein, Auswirkungen auf die Organisation

Die Entwicklung der Gesamtkriminalität ist von zahlreichen, durch die Polizei nicht zu beeinflussenden Faktoren abhängig. Gesellschaftliche und politische Veränderungen führen oft zu neu auftretenden oder zahlenmäßig plötzlich stark ansteigenden Erscheinungsformen. Nur zwei Beispiele sind hier die parallel zur Massenmotorisierung stark ansteigende Zahl von Pkw-Aufbrüchen in den Sechziger und Siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts, oder die in den letzten Jahren starke Zunahme der illegalen Migration aus dem Irak auf Grund der dort herrschenden politischen Situation.

In den letzten 20 Jahren gab es eine Vielzahl von technischen und gesellschaftlichen Entwicklungen, die die gesamte Polizei vor neue Aufgaben stellten und für alle Dienststellen zu einem erhöhten Arbeitsanfall führten. Hier seien als Beispiele nur die Internetkriminalität, ein „Kriminalitätsimport“ durch offene Grenzen, die steigende Gewaltbereitschaft in der Bevölkerung und die zusätzlichen Aufgaben durch neue wissenschaftliche, kriminalistische oder technische Erkenntnisse wie Operative Fallanalyse oder Prävention bei Häuslicher Gewalt genannt.

Zwar zeigt die bayerische PKS der vergangenen Jahre eine leicht rückläufige Entwicklung bei einer gleichbleibend hohen Aufklärungsquote. Auf Grund dieses Trends aber zu glauben, die Lage entspanne sich, ist kurzsichtig. . Zudem steht der Rückgang in der PKS einer tatsächlichen Steigerung der Arbeitsbelastung bei der Kripo gegenüber. Diese ständig steigende Arbeitsbelastung läuft nahezu unbeeinflusst von „PKS-Zahlenspielen“. Auch lassen die reinen PKS-Zahlen keinen Rückschluss auf die tatsächliche Arbeitsbelastung einer Dienststelle zu. Nicht nur im OK-Bereich gibt es Fälle, bei denen die einjährige Arbeit einer ganzen Ermittlungsgruppe statistisch letztlich als ein PKS-Delikt gezählt wird. Neue Erscheinungsformen und eine ständig fortschreitende technische Entwicklung erfordern die Entwicklung von neuen Ermittlungsmethoden und zeitintensiven Recherchen. In fast allen Deliktsbereichen gibt es heute auch digitale Spuren, die einer Sicherung und Auswertung bedürfen. Ein Vorgang, der vor einiger Zeit noch einen Leitzordner füllte, umfasst heute ohne weiteres 10 Ordner. Auch der in der obergerichtlichen Rechtsprechung sich abzeichnende Trend, staatliche Ermittlungshandlungen ständig genauer zu hinterfragen und erhöhte Anforderungen an die Zulässigkeit derselben zu stellen, führt zu einem erhöhten Arbeitsaufwand für die Sachbearbeitung.

Nun kann man sagen, dass dieses Problem alle Kriminalpolizeidienststellen gleichermaßen trifft. Man darf aber nichtDabei wird aber übersehen, dass das Polizeipräsidium München mit im Jahr 2007 registrierten 124.311 Straftaten ziemlich genau ein Fünftel der Gesamtdelikte im Freistaat Bayern zu bearbeiten hatte. Auf Grund der hohen Fallzahlen potenziert sich also hier der steigende Ermittlungsaufwand.

Besondere Erscheinungsformen im Ballungsraum

Die Kriminalpolizei im Ballungsraum sieht sich nicht nur den oben genannten zahlenmäßigen Problemen gegenüber. Vielmehr gibt es auch Deliktsbereiche, die in dieser Form und Ausprägung in einer Großstadt wesentlich stärker ins Gewicht fallen, als auf der Fläche. Das anonyme Zusammenleben in der Stadt und die hohe Bevölkerungsdichte begünstigen die Entwicklung von Kriminalitätsbrennpunkten in Trabantenstädten und im öffentlichen Verkehrsraum. Vor Jahren terrorisierte die „Honzi-Clique“, eine Jugendbande, die sich immer in einer kleinen Parkanlage an der U-Bahnstation Hohenzollernplatz traf ein ganzes Stadtviertel. Ähnliche Gruppierungen gab und gibt es zum Beispiel in Neuperlach oder im Münchner Westend. Die Übergriffe und Schlägereien in der Münchner U-Bahn im vergangenen Jahr waren bundesweit Thema in den Medien. Eine derartige Massierung von Gewalttaten ist auf dem flachen Land unwahrscheinlich, zumal dort innerhalb der Bevölkerung ein besserer Zusammenhalt und eine größere Sozialkontrolle besteht.

Auch auf dem Gebiet der Eigentumskriminalität ist die Lage im Ballungsraum kritischer, weil es für die Täter eine größere Anzahl geeigneter Angriffsobjekte gibt und die Anonymität der Großstadt eine Flucht nach der Tat begünstigt. Diese Anonymität führt auch dazu, dass illegale Migranten und reisende Tätergruppierungen als Zielpunkt meist die großen Ballungsräume aufsuchen, die ein geringeres Entdeckungsrisiko aufweisen. In gleicher Weise nutzen auch die Rotlicht- und Rauschgiftkriminalität die Anonymität der Großstadt.

Ebenso führt die prosperierende wirtschaftliche Entwicklung des Großraums München zu einem erhöhten Deliktsaufkommen und damit Arbeitsanfall für die Münchner Kriminalpolizei. Zahlreiche große Banken, Wirtschaftsunternehmen und sogenannte „global players“ diverser Industriezweige haben ihren Sitz im Großraum München. Bei Delikten zum Nachteil dieser Unternehmen, seien es nun Betrugsversuche, Produktfälschungen oder Erpressungen wird liegt die Zuständigkeit regelmäßig fast immer beim PP München, da der Sitz des Unternehmens nun mal in der Großstadt ist. liegen.

Straftaten, die in der Fläche oft nur ein Einzelphänomen sind, treten in München in wesentlich geballterer Form auf. Dies erzeugt schon aufgrund der Menge einen organisatorischen und tatsächlichen Handlungsdruck, der wiederum Personal bindet, das anderweitig verloren geht.

Fallzahlen und ihre Auswirkungen auf die Organisation

Die absoluten Fallzahlen, nämlich über 124.000 Straftaten im Jahr 2007, wurden oben eingangs schon kurz angesprochen. Allein diese absolute Zahl stellt schon eine überdurchschnittliche Belastung im Vergleich zu den übrigen Polizeipräsidien dar. Tatsächlich liegt aber die Belastung der Münchner Kripo um ein Vielfaches höher, weil hier im Gegensatz zu den anderen Präsidien die Mehrzahl der Straftaten auch der einfachen Deliktsbereiche nicht von der Schutzpolizei, sondern von der Kripo endbearbeitet werden.

Die einzelnen Sachbearbeiter haben also einen wesentlich höheren Vorgangseinlauf als im übrigen Bayern. So berichtet ein kürzlich in die Fläche versetzter Kollege, dass dort die Sachbearbeiter bei einem Eigentumskommissariat im Schnitt etwa 50 bis 80 Vorgänge pro Jahr haben. Ein Sachbearbeiter in einem Münchner Diebstahlskommissariat bekommt die gleiche Menge Anzeigen in etwa vier bis fünf Wochen zugeteilt! In den hochbelasteten Kommissariaten für Eigentums- und Vermögensdelikte schiebt jeder einzelne Sachbearbeiter permanent einen Berg von ca. 80 bis 120 offenen Vorgängen vor sich her. Die Zahl der pro Jahr von einem Sachbearbeiter bearbeiteten Fälle kann dringt nicht selten in den vierstelligen Bereich vordringen!

Die eben geschilderte hohe Belastung führt dazu, dass in einigen Kommissariaten nur noch Kriminalitätsverwaltung und nicht mehr Kriminalitätsbekämpfung betrieben werden kann.

Die hohe Fallbelastung bedingt darüber hinaus organisatorische Abweichungen vom Aufbau einer Kriminalpolizeidienststelle auf der Fläche. Die große Zahl z.B. von Einbrüchen oder auch von Betrugsdelikten macht Spezialisierungen innerhalb der Kripo erforderlich, um Tatzusammenhänge und entstehende Brennpunkte besser erkennen zu können. So gibt es beim Kriminalfachdezernat 5 u.a. unterschiedliche Kommissariate für Einbrüche in private und gewerbliche Objekte sowie Diebstähle von und aus Kfz.

In anderen Kommissariaten müssen auf Grund des breiten Aufgabenspektrums und des hohen Vorgangseinlaufs Unterstrukturen geschaffen werden, um eine ordnungsgemäße Vorgangszuteilung und –überwachung überhaupt zu gewährleistenbewältigen. In einem Kommissariat des Dezernats für Gewalt- und Raubdelikte sind neben dem K-Leiter zwei weitere Beamte ausschließlich mit Aufgaben bezüglich Zuteilung, Organisation und Dienstbetrieb beschäftigt. Diese zur Aufrechterhaltung der Abläufe geschaffenen Stabsfunktionen organisatorischen Strukturen werden personell immer aus der Sachbearbeitung herausgelöst und führen so zu einer noch höheren Belastung für die verbleibenden Sachbearbeiter. Andererseits ist ohne Schaffung solcher Strukturen eine korrekte Abwicklung des Vorgangseinlaufs nicht mehr möglich.

Schon diese wenigen Beispiele zeigen, dass eine Kriminalpolizei im Ballungsraum nicht mit einer KPI auf der Fläche zu vergleichen ist und sich eine Großstadtpolizei ganz anderen Herausforderungen gegenüber sieht.

Landesweite Projekte und Zentralstellenarbeit

Die Münchner Polizei ist seit jeher bemüht, den hohen Fallzahlen durch eine optimierte Sachbearbeitung unter Einsatz auch innovativer Methoden zu begegnen. Begünstigt wird dieser Innovationsgedanke auch dadurch, dass die hohen Fallzahlen eine Einführung neuer kriminalistischer und kriminaltechnischer Methoden effektiver machen, als dies bei einer niedrigeren Belastung der Fall wäre. Auch die Auslastung teurer Spezialgeräte ist dadurch höher und deren Anschaffung besser begründbar, als bei weniger belasteten Dienststellen.

Dies hat dazu geführt, dass beim PP München zahlreiche bayernweite Pilotprojekte laufen oder Zentralstellenarbeit für überregionale Arbeitskreise geleistet wird. Die zunehmende Komplexität technischer Anwendungen und die zu berücksichtigenden Vernetzungen mit bereits bestehenden Systemen erfordern ein umfangreiches Projektmanagement, das Personal aus den jeweiligen Pilotdienststellen bindet.

Aktuell läuft beim Kriminalfachdezernat 9 gemeinsam mit der KPI Fürstenfeldbruck ein landesweites Pilotprojekt zur elektronischen Archivierung von Kriminalakten (EKAA). Dass das PP München wie so oft eine Vorreiterrolle bei der Einführung eines neuen Archivierungssystems einnimmt, liegt wieder in der Struktur einer Kriminalpolizei im Ballungsraum begründet. Beim PP München gibt es mit dem K 106 ein eigenes Kommissariat, das ausschließlich für die Verwaltung der Kriminalakten und die Zuteilung der Vorgänge an die Fachkommissariate zuständig ist. Mit einem Aktenbestand von über 350.000 Personenakten ist das PP München das größte aktenführende Polizeipräsidium. Lediglich beim BLKA ist die Zahl mit ca. 400.000 Akten noch größer, dies beruht aber allein auf der Tatsache, dass für jede vom BLKA ins INPOL eingestellte Ausschreibung ein Personenakt angelegt wird. Alle anderen Polizeipräsidien haben weniger als die Hälfte der beim PP München liegenden Akten, wobei auf der Fläche die Akten ja zum Teil auf PI-Ebene geführt werden und erst dann an die KPI abgegeben werden, wenn der Täter überörtlich tätig wird. Eine durchschnittliche KPI, die den Bereich einer ehemaligen Direktion betreut, hat etwa ein Fünftel der in München zu verwaltenden Personalakten.

Als weitere Zentralstellen wären HEADS oder die Operative Fallanalyse Bayern genannt, die beide beim Kriminalfachdezernat 1 angesiedelt sind. Diese Projekte wurden zunächst vom PP München initiiert und wurden dann auf Grund der gewonnenen Erfahrungen bayernweit ausgedehnt. Im Fall HEADS bekam das PP München die zentrale Koordinierungs- und Bewertungsarbeit zugewiesen und steuert Informationen an die HEADS-Sachbearbeiter in ganz Bayern weiter. Die notwendige Veranstaltung überregionaler Workshops und Besprechungen ist ein weiterer belastender Faktor. Unter den derzeitigen Bedingungen muss man sich fragen, ob die Belastung durch die Wahrnehmung bayernweiter Aufgaben genügend gewürdigt wird. Andernfalls besteht die Gefahr, dass sinnvolle Innovationsbestrebungen zurückgeschraubt werden, um die eigene Organisation nicht noch mehr zu belasten.

Kriminalpolizei im Ballungsraum

Wie bereits dargestellt, ist die kriminalpolizeiliche Arbeit im Ballungsraum schon allein durch den zahlenmäßigen Einlauf im Vergleich zur Fläche erschwert. Auch die Zentralstellenarbeit und die Projekte führen dazu, dass immer wieder Sachbearbeiter aus dem täglichen Dienst heraus genommen werden und die bei den Basisdienststellen nach wie vor vorhandene Arbeit auf die Schultern der verbleibenden Sachbearbeiter verteilt werden muss.

Ein weiterer Aspekt, der bei der Kriminalpolizei im Lauf der Jahre zu einem faktischen Personalabbau geführt hat, ist die organisatorische Reaktion auf gesellschaftliche, technische oder statistische Neuerungen. Hier seien neben den oben genannten Zentralstellen exemplarisch nur einige Dienststellen genannt, die in den vergangenen zehn Jahren neu aufgebaut oder bei irgendwelchen Dienststellen angegliedert wurden: BAO AkiS (jetzt K 42), die AG DNA, die Dokumentenprüfkommission, die zwei Ausländerkommissariate K 214 und K 215 (jetzt K 34 und K 66), die Präventionsdienststelle K 314 (jetzt K 105) und die RBA. Weitere Dienststellen wären z.B. die Taschendiebfahndung, mit der auf ein massenmäßiges Großstadtphänomen reagiert wird, sowie Dienststellen für IuK-Kriminalität, Zielfahndung und Personenschutz. Alles Dienststellen, die es in der Fläche überhaupt nicht gibt oder deren Aufgaben wegen der geringen Fallzahlen nebenbei wahrgenommen werden können. All diese Dienststellen wurden immer auf Grund von Sachzwängen eingerichtet, das Personal wurde aus anderen Kommissariaten rekrutiert, eine Etatisierung und die entsprechende Ausweisung neuer Planstellen erfolgte nur vereinzelt. Dies führt dazu, dass bei den einzelnen Dienststellen immer weniger Sachbearbeiterstunden im Verhältnis zu den Fallzahlen zur Verfügung stehen.

Eine gründliche Ermittlungsarbeit in jedem einzelnen Fall ist unter diesen Voraussetzungen nicht mehr möglich. Es müssen Prioritäten gesetzt werden, wobei Konflikte wegen unterschiedlicher Betrachtungsweisen zwischen Sachbearbeitung, Stabsdienststellen und der Staatsanwaltschaft vorprogrammiert sind. Erschwerend kommt weiter hinzu, dass die Staatsanwaltschaft auch im Hinblick auf die sehr kritische Sichtweise der Obergerichte auf staatliches Ermittlungshandeln zunehmend Nachermittlungen auch in Fällen in Auftrag gibt, die vor einiger Zeit noch sohne weiteres entweder angeklagt oder eingestellt worden wären. Insbesondere die Sachbearbeiter der Körperverletzungs-Kommissariate beklagen häufig, dass für Vorgänge noch ein Ermittlungsauftrag erteilt wird und zeitgleich aber bereits feststeht, dass das Verfahren eingestellt wird. Dies darf aber nicht als Kritik an der Staatsanwaltschaft verstanden werden. Auch die StA im Ballungsraum ist um ihre Arbeitsbelastung nicht zu beneiden, derartige Vorgehensweisen sind ebenfalls der Not gehorchend.

Noch ein weiteres Problem führt zu sinkenden Sachbearbeiterstunden bei den einzelnen Kommissariaten: München ist nicht nur ein bedeutender Wirtschaftsstandort, sondern auch ein kultureller und sportlicher Anziehungspunkt. Mehrmals im Jahr finden internationale Großereignisse statt, die oft eine BAO für das gesamte Polizeipräsidium erfordern, immer aber einen Kräfteaufruf für einen Einsatzabschnitt „KriminalpolizeicheKriminalpolizeiliche Maßnahmen“ nach sich ziehen. Die zahllosen Überstunden, die hier meist an Wochenenden oder in den Abend- und Nachstunden aufgebaut werden, müssen dann wieder zu Lasten der täglichen Sachbearbeitung abgebaut werden. Aber nicht nur diese internationalen Megaevents wie die Münchner Sicherheitskonferenz, internationale Fußballspiele, Open Air-Konzerte reduzieren die Zahl der Sachbearbeiterstunden, irgendwo in München ist immer eine Versammlung oder Demo, die der polizeilichen Betreuung bedarf. Und wenn man verhindern will, dass die Kollegen vom kriminalpolizeilichen Staatsschutz rund um die Uhr im Einsatz sind, ist auch dies wieder mit Kräfteanforderungen für andere Dienststellen verbunden. Auch die GeSa und die Haftsachenbearbeitung bei Fußballspielen von inzwischen sechs Mannschaften in vier Ligaklassen müssen besetzt werden, natürlich wieder zu Lasten der Sachbearbeitung. Probleme bereitet hier auch die zunehmende Gewaltbereitschaft der Fans in den unteren Ligaklassen, die einen stark erhöhten Personalansatz auch für die kriminalpolizeiliche Abwicklung bedeutet. Der Münchner Polizeipräsident Prof. Dr. Schmidbauer stellte erst kürzlich in einer Pressekonferenz dar, welch enorme Belastung die neue Ligastruktur für die Münchner Polizei bedeutet. So mussten im Jahr 2008 59 Fußballspiele betreut werden, dabei wurden von 7.316 Beamten 48.645 Stunden Dienst geleistet. Die Münchner Polizei trägt allein die Hälfte der Belastung durch Fußballeinsätze für die gesamt bayer. Polizei!

Darüber hinaus gibt es bei mehreren Dienststellen der Münchner Kripo einen permanenten Bereitschaftsdienst, so zum Beispiel beim Rauschgiftdezernat oder der Mordkommission. Daneben stellen fast alle Kriminalfachdezernate am Wochenende einen Jourdienst zum Bearbeiten der aktuell angelaufenen Haftsachen. Diese Wochenend- und Rufbereitschaftsdienste führen zu einem weiteren Aufbau der Überstunden, so dass die Münchner Kripo zum Jahreswechsel 2007/08 einen Berg von über 65.500 Überstunden vor sich her schob.

Arbeitszufriedenheit der Mitarbeiter

Angesichts dieser Arbeitsbedingungen ist es erstaunlich, dass es dem PP München gelingt, immer noch eine der höchsten Aufklärungsquoten aller Millionenstädte weltweit zu haben. Erreicht wird dies nur auf Grund der hohen Motivation fast aller Kollegen, die sich mit ihrer Dienststelle und ihrer Arbeit identifizieren. Dies zeigt, wie sehr sich die Kollegen trotz schlechter Rahmenbedingungen dem Gemeinwohl und ihrer Arbeit verpflichtet fühlen. Man fühlt sich als „Schandi mit Leib und Seele“. Doch darf diese grundsätzlich positive Einstellung nicht darüber hinweg täuschen, dass die Belastung des einzelnen Mitarbeiters ebenso überdurchschnittlich hoch ist. Wenn in einem einzelnen Kommissariat in kurzer zeitlicher Folge mehrfach bei Mitarbeitern stressbedingte Erkrankungen wie Hörsturz, Herzinfarkt und Tinnitus auftreten, ist das ein Zeichen, dass die Belastung das vertretbare Maß längst überschritten hat. Die Flucht von Kripokollegen aus dem hochbelasteten Ballungsraum nimmt zu.

Personalentwicklung

Diese hohe Belastung der einzelnen Beamtinnen und Beamten hat ihre Ursachen nicht nur in den oben genannten Faktoren. Die Münchner Kriminalpolizei kämpft seit Jahren mit Personalknappheit und erhält nicht in ausreichendem Maße Nachersatz für die Abgänge. Zur Zeit beträgt die tatsächlich verfügbare Personalstärke (Verwendungsstärke abzüglich Abordnungen, Krankheiten, Teilzeit) der Münchner Kripo 76 % der festgelegten Sollstärke, das heißt, dass etwa die Dienststellen nur zu etwa drei Vierteln besetzt sind. Innerhalb eines Jahres hatte die Kripo durch Wegversetzungen und Pensionierungen auch bei Berücksichtigung aller Neuzugänge einen faktischen Personalverlust von 42 Abgängen, die nicht nachersetzt wurden. Das entspricht in etwa der Stärke von drei Kommissariaten!

Erschwerend macht sich auch die Stellensituation bei der Kripo negativ bemerkbar. Das Gros der Sachbearbeiter sitzt auf Planstellen A 9/11, Stellen der Bewertung A 9/11(12)Beförderungsmöglichkeiten nach A 12 sind nicht ausreichend vorhanden. Kriminalpolizeiliche Sachbearbeiter mit einer mehrjährigen Erfahrung wechseln deshalb häufig zur Schutzpolizei, z.B. auf DGL-Posten, da ihnen die Kriminalpolizei keine Alternative bieten kann. Langwierig erworbenes Fachwissen geht hier vollkommen unnötig verloren. Hier ist eine Durchschlüsselung der Sachbearbeiterstellen auf A 9/12 längst überfällig. Eine ähnliche Problemstellung gibt es auch in der Führung der Kriminalpolizei. Durch die Pensionierung zahlreicher altgedienter Kommissariatsleiter sind viele Kommissariate zwischenzeitlich mit relativ jungen Führern besetzt. Dies bremst natürlich die Aufstiegsmöglichkeiten der stellvertretenden K-Leiter, die sich besoldungsmäßig auf einer Stufe mit den älteren Sachbearbeitern befinden. Eine durchgängige und schlüssige Anhebung der Dienstposten auch unter Einbeziehung des Führungsbereichs ist dringend notwendig. Dies auch angesichts der Personalstärke und der Aufgabenmehrung in den Kriminalfachdezernaten.

Ein weiterer für die Kripo negativer Aspekt ist die Stellung des PP München quasi als Ausbildungspräsidium für die gesamte bayer. Polizei. Auf Grund des permanenten Personalmangels werden inzwischen alle Direkteinsteiger im gehobenen Dienst nach ihrer Ausbildung zum PP München versetzt, wo sie zunächst als stellv. DGL eingesetzt werden. Nach zwei Jahren erfolgt eine Bestellung auf eine feste Planstelle, meist bei der Kripo und oft gegen den Willen der Beamten, die sich dann bei der Schutzpolizei integriert haben. Nach zweieinhalb Jahren erfolgt eine Versetzung zur Kripo, oft gegen den Willen der Beamten, die sich dann bei der Schutzpolizei integriert haben. Für die einzelnen Kommissariate stellt sich nun die Problematik, diese Beamte als kriminalpolizeiliche Sachbearbeiter auszubilden und zu qualifizieren und genau zu wissen, dass der größte Teil nach Ablauf der Mindestverweildauer von fünf Jahren versuchen wird, so schnell wie möglich in die Heimat zu kommen.

Eine Ursache dieser Stadtflucht ist auch im Münchner Programm „FF, Fordern und Fördern“ zu sehen. Dieses Programm hat viele positive Aspekte, gewährleistet es doch die gezielte Förderung aufstiegsgeeigneter Beamter und bietet durch das Durchlaufen mehrerer Stationen auch eine bessere Chance, die am besten geeigneten Bewerber zu erkennen. Das Protegieren Einzelner durch enge persönliche Kontakte wird somit erschwert. Allerdings hat das Programm auch ungewollte negative Erscheinungen. Auf Grund des hohen Durchsatzes und der Tatsache, dass nicht alle Absolventen tatsächlich aufsteigen, gibt es eine große Zahl überdurchschnittlich gut beurteilter FF-Absolventen. Und diese Zahl wird die nächsten Jahre deshalb noch weiter steigen, weil inzwischen alle Direkteinsteiger des gehobenen Dienstes nach München kommen, also auch entsprechend mehr Beamte aus dem ersten Fünftel, die die zur Verfügung stehenden FF-Plätze belegen. Das Münchner Förderprogramm entwickelt sich so langsam zu einem „FF Bayern“. Es wird deshalb für eine große Anzahl hervorragender Sachbearbeiter, die nicht im ersten Fünftel sind, nahezu unmöglich, ohne FF eine Führungsposition zu erreichen. Viele junge Seiteneinsteiger, die sich vielleicht mit einer dauerhaften Versetzung nach München sogar abfinden könnten, versuchen inzwischen wegen der fehlenden Zukunftsperspektiven schnellstmöglich wieder heim zu kommen.

Vor Jahren war die einhellige Forderung aller Berufsvertretungen, zur Qualifizierung der kriminalpolizeilichen Sachbearbeitung bei der Kriminalpolizei nur noch Beamte im gehobenen Dienst einzusetzen. Nachdem diese Forderung nicht durchgängig umsetzbar war, wurden für einzelne Aufgaben (Rauschgift, Personenschutz, Fahndung) doch wieder mittlere Beamte eingesetzt. Wir haben nun aber im Ballungsraum die Situation, dass junge (und entsprechend unerfahrene) gehobene Beamte zwangsweise zur Kriminalpolizei versetzt werden, während langjährige und erfahrene Beamte des mittleren Dienstes keine Möglichkeit haben, zu K zu wechseln und bei der Schutzpolizei oft keine Zukunftsperspektiven sehen. Angesichts dieser Situation sollte der pragmatische Ansatz „kein mittlerer Dienst bei K“ nochmals überprüft werden, da ein Aufweichen dieses Grundsatzes der Mitarbeiterzufriedenheit und mittelbar der Qualität des Gesamtergebnisses dient. Merke: zufriedene Mitarbeiter sind gute und engagierte Mitarbeiter!

Schlussfolgerungen für die Zukunft
    Am Ende unserer kleinen Betrachtung sind mehrere Ergebnisse festzustellen:
      Die Kriminalpolizei im Ballungsraum lässt sich auf Grund tatsächlicher Gegebenheiten nicht mit der Fläche vergleichen. Unterschiedliche Rahmenbedingungen müssen auch unterschiedliche Problemlösungen erlauben.
      Die geleistete Zentralstellenarbeit für alle bayerischen Dienststellen muss endlich durch eine entsprechende Personalausstattung honoriert werden.
      Eine Fortsetzung der erfolgreichen Arbeit ist nur möglich, wenn die sowohl durch Organisationsänderungen als auch durch sonstige Abgänge verursachten Personalreduzierungen zeitnah ersetzt werden. Dabei müssen auch unkonventionelle Lösungen wie mittlerer Dienst zu K, verstärkter Einsatz von Tarifbeschäftigten und Verwaltungsbeamten usw. angedacht werden.
      Das Stellengefüge der Kriminalpolizei muss jedem Mitarbeiter eine Perspektive bieten, sein erworbenes Fachwissen optimal in seinem Arbeitsbereich einzusetzen und zugleich die Möglichkeit eines beruflichen Weiterkommens zu haben.

    Abschließend muss noch einmal gesagt werden, dass die hier aufgestellten Feststellungen und Forderungen keinesfalls eine Konkurrenzsituation zwischen Ballungsraum und Fläche schaffen sollen. Unstrittig trifft ein Teil der geschilderten Probleme auch für die Kripo außerhalb des Ballungsraums zu. Weil die Probleme im Ballungsraum aber meist auf Grund der reinen Zahlen potenziert auftreten, ist hier rasches Handel nötig, damit der Supertanker „Kriminalpolizei München“ nicht auf Grund läuft.

    ©2009 Andreas Gollwitzer, München

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