31.01.2008

Jugendgewalt

"Mehr Aufmerksamkeit auf die Schulen lenken"

Wortlaut "scoolz.de":

Bisher haben wir bereits darüber berichtet, was Jugendliche und Prominente über das Thema Jugendgewalt denken. Nun hat sich die Scoolz-Redaktion mit dem Bundesvorsitzenden der Gewerkschaft der Polizei, Konrad Freiberg, zum Interview getroffen.

Roland Koch hat vor einiger Zeit gefordert, dass Kinder unter 14 Jahren in Ausnahmefällen nach dem Jugendstrafrecht verurteilt werden sollen. Ist dieses das letzte Mittel des Staates gegen Jugendgewalt?
Konrad Freiberg: "Nein, das ist der völlig verkehrte Ansatz, den er gewählt hat. Deswegen hat er auch die Kritik verdient. Wer sich mit Jugendgewalt auseinandersetzt, muss bei den Ursachen anfangen, das heißt, bei den Menschen und der Frage, weshalb sie dazu kommen. Und dann kommt man zu den Erkenntnissen, die allen Fachleuten bekannt sind. Das fängt an mit mangelnder Erziehung, den Schwierigkeiten im Elternhaus und geht über Bildung bis hin zur Perspektivlosigkeit beim Arbeitsplatz. Bei Migranten kommt hinzu, dass mangelnde Integration vorhanden ist, oftmals fehlt auch die Voraussetzung der Sprache. Wenn man dann weiter diskutiert über Jugendkriminalität, kommt man zu der Frage, was die Polizei machen kann, um das Entdeckungsrisiko zu erhöhen. Das ist ganz entscheidend. Und der dritte Punkt ist, wie die staatlichen Organe reagieren, von Sozialarbeitern, Jugendhilfe bis nachher zu den Gerichten. Und das muss umgehend gehen, das ist das Entscheidende bei der Bekämpfung der Jugendkriminalität. Erst dann kann man darüber diskutieren, welche Strafen sein sollten, aber das ist wirklich vernachlässigbar."

Die Innenministerkonferenz hat vor einigen Tagen einen Neun-Punkte-Katalog veröffentlicht. Welche der festgelegten Punkte könnten Ihrer Meinung nach helfen, Gewalt von Jugendlichen einzudämmen?
"Das Wichtigste ist, dass wir in den Bereichen, in denen es um Hilfe geht, wie Sozialarbeit, Jugendhilfe, in den Bereichen der Polizei und auch bei der Justiz, das Personal haben, damit möglichst zügig gearbeitet werden kann. Wir müssen eher Kraft hineinsetzen, jungen Menschen die Chancen im Leben zu erhöhen bis hin zu Integrationsfragen. Das sind die entscheidenden Merkmale. Und alles, was hinterher kommt, mit Warnschussarresten, Erhöhung der Höchststrafen, das ist alles vernachlässigbar und es lohnt sich nicht, darüber weiter zu reden."

Welche konkreten und durchführbaren Sofort–Maßnahmen und welche langfristigen Maßnahmen fordern Sie zur Eindämmung von Jugendgewalt?
"Das Wichtigste ist, dass wir mehr Aufmerksamkeit auf die Schulen lenken, das heißt, Bildung muss einen höheren Stellenwert erhalten. Und dann die Frage der Integration. Das ist äußerst schwierig, ich weiß auch, dass dieses nicht kurzfristig machbar ist, aber dort liegen die Schlüssel. Alles andere kommt dann hinten an, wenn wir dort etwas mehr Kraft hineinsetzen."

Können populistische Vorschläge, wie "Keine Leichen im TV vor 20 Uhr" oder "generelles Alkoholverbot in bestimmten Stadtteilen und Brennpunkten" (z.B. auf der Reeperbahn in Hamburg) die Zielgruppe überhaupt tangieren?
"Nein, diese Vorschläge helfen uns nicht weiter. Das ist illusionär. Das wäre genauso gut, wenn ich Jugendlichen sagen würde, sie dürfen nicht rauchen, dürfen nicht trinken, dürfen kein Fernsehen gucken. Das ist weltfremd, das muss man ganz ausdrücklich sagen. Ein junger Mensch muss lernen, mit Versuchungen umzugehen, dabei auch in vielen Dingen über die Stränge zu schlagen, damit er erwachsen wird. Das macht ja gerade den Jugendlichen aus. Wir müssen den Jugendlichen ernst nehmen und ihm Perspektiven bieten. Und am Rande müssen wir ihn immer auch staatlicherseits begleiten, wenn er über die Stränge schlägt. In erster Linie mit Hilfe und in zweiter Linie mit Korrektur."

Aktuelle Studien und Umfragen sehen Migranten mehr in der Täterrolle als deutsche Kinder und Jugendliche. Wie können Politik und Gesellschaft helfen, mögliche Feindseligkeiten gegen Ausländer zu vermeiden?"
Das ist eine wirklich sehr schwierige Frage, die uns noch lange beschäftigen und an Brisanz zunehmen wird. Wir haben die Tatsache, dass insbesondere in großen Städten die Zahl der Migranten weiter wachsen wird und die Integration sogar nachlässt. Das heißt, die lernen kein Deutsch, auch vom Elternhaus her, und von daher müssen wir alle überlegen, wie man in den Schulen den Kontakt miteinander verbessert, die Schüler untereinander. Das geht nicht ohne Reibung, da darf man keine Illusionen haben. Und dann müssen wir im Rahmen der Toleranz versuchen, diesen Problemen besser Herr zu werden. Und Toleranz beinhaltet auch Grenzziehung durch das Strafrecht. Es gibt aber keine Lösung, die sozusagen ad hoc möglich ist."

Einige unserer User fordern im Forum "Ausländische Jugendstraftäter gehören wieder dahin geschickt, wo sie herkommen mit der Familie... Anders fallen sie z.B. im Gefängnis den deutschen Steuerzahlern zur Last". Wie kann man solchen Auffassungen begegnen?
"Natürlich neigt ein Mensch dazu, wenn man Probleme hat und die Chance, sie wegzuschieben oder sie ´auszuweisen´, dann ist das erst mal eine Lösung, bei der man sagt: `Ich hab eine`. Das gilt für mich genauso. Deswegen freut man sich darüber erst einmal. Wenn man jedoch etwas nachdenkt und eine Analyse der tatsächlichen Probleme macht, wird man feststellen, dass die meisten Täter Jugendliche sind, die hier vielleicht eine Familie haben, bei denen es einen deutschen Hintergrund gibt, die deutsche Staatsangehörigkeit, die hier aufgewachsen sind. Oder es gibt Probleme bei der Ausweisung, weil man nicht weiß, wohin, wenn die Jugendlichen beispielsweise gar keine Eltern mehr in diesen Ländern haben. Ich darf das einmal vereinfachen: Der Täter in München, den Herr Koch als Anlass genommen hat, der war einmal in der Türkei - ich war schon zweimal dort. Von daher kann man nicht immer mit Ausweisung reagieren. Die meisten sind unsere Probleme, wir müssen mit unserem System fertig werden. Natürlich muss es die Möglichkeit geben, einen Schwerststraftäter auszuweisen. Das ist aber rechtlich alles gegeben. In erster Linie müssen wir mit eigenen Problemen auch selbst fertig werden."

In den Bundesländern gibt es unterschiedliche Straf-Maßnahmen. Während manche Jugendliche aus Hessen nach Sibirien kommen, werden Hamburgs jugendliche Straftäter auch schon einmal in teuere Edelinternate gesteckt. Sind solche extremen Maßnahmen sinnvoll?
"Was sinnvoll ist und was nicht, müssen Pädagogen beantworten. Der Grundgedanke bei schwer erziehbaren Jugendlichen ist sicherlich richtig, nämlich, dass sie aus dem Milieu, in dem sie leben, heraus müssen. Von der Straße, von Freunden, weg erst einmal. Die Frage ist dann, wohin mit ihnen. Da gibt es auch unterschiedliche Ansätze. Das zeichnet ja unser Strafrecht aus, dass es dort mehrere Variationen gibt. Man hat einerseits den kurzfristigen Jugendarrest, offene Erziehungscamps oder auch geschlossene Jugendanstalten. Vielleicht auch im ´Freizeitbereich´ irgendwo, es gab schon einmal einen Segelkurs. Wir allerdings nicht vergessen, dass man das auch der Öffentlichkeit vermitteln muss. Auch, wenn es pädagogisch sinnvoll sein mag, wie vermittele ich demjenigen, der hier seine Steuern bezahlt und sich das selber nicht erlauben kann, dass man einen Jugendlichen in ein teures Hotel irgendwo in die Sonne schickt. Darum muss man eine Grenze ziehen und sagen, das sollte man nicht machen. Aber das wird immer ein Streitpunkt bleiben."

Ist es nicht anzustreben, einheitliche Strafen und Maßnahmen für ganz Deutschland zu schaffen?
"Wir haben ein Jugendstrafrecht für ganz Deutschland. Nun gibt es Ausprägungen in den einzelnen Ländern. Manche Länder bieten Erziehungscamps an, Anstalten oder geschlossene Einrichtungen, das ist unterschiedlich. Das Jugendstrafrecht zeichnet sich gerade dadurch aus, dass man verschiedene Wege gehen kann. Das ist nicht so wie beim Erwachsenenstrafrecht: Entweder Geldstrafe oder Freiheitsstrafe. Hier kann man überlegen, bis hin zu pädagogischen Maßnahmen, was sinnvoll ist. Ich glaube nicht, dass wir hier versuchen sollten, jedes einzelne Experiment zu beeinflussen, das soll ruhig so bleiben."

Gibt es bezüglich des Themas Jugendgewalt Forderungen Ihrerseits an die Regierung/an den Staat?
"Das Thema Jugendgewalt ist wirklich ein ernstzunehmendes Thema, nicht erst seit heute. Wir haben seit Jahren darauf hingewiesen, bei jeder Veröffentlichung der Kriminalstatistik, dass hier ein Problem heranwächst, das immer größer wird. Die Gewalt hat immer zugenommen. Und wenn die Gewalt unter Jugendlichen zunimmt, dann ist das ja ein Zeichen für die Verrohung unserer Gesellschaft, dafür, dass irgendetwas nicht oder nicht mehr stimmt. Die Ursachen sind allen bekannt. Wie die Experten gesagt haben, egal, wo die Partei politisch hängt: Wir brauchen keine Straferhöhung, das bringt alles nichts. Auch, wenn das dem Einzelnen nicht gefällt, muss man auch ab und zu einmal auf Fachleute hören. Was jetzt wichtiger wäre ist, dass wir uns alle bemühen, nicht nur die Regierung. Die Fragen der Integration und der Perspektiven für junge Menschen, das heißt Bildung, sollten Hauptthema unserer Gesellschaft sein. Auch, wenn Polizei und Justiz anders reagieren würden, wäre das nur eine Reparatur, würde aber die wirklichen Probleme nicht lösen."

(PA)
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