24.08.2011

Schon wieder ein Fall akuter Profilneurose

Herr Professor Behr merkt nichts mehr!

Herr Professor ist zudem der Auffassung, dass die Polizei der „Prellbock“ der
Gesellschaft sei und man als Polizeibeamter damit rechnen müsse, selbst
beschädigt zu werden. Er fordert weiter eine bessere Ausbildung, um mit dem
Thema Respektlosigkeit besser umgehen zu können.

Dazu die Auffassung der Gewerkschaft der Polizei:

Dem Herrn Professor - ein ehemaliges Mitglied der „Polizeikommission“ - ist
offensichtlich nicht bekannt, dass das Fortbildungsangebot der Hamburger
Polizei mindestens 11 verschiedene Seminare beinhaltet - von der
Stressbewältigung, Umgang mit Menschen anderer Kulturen bis hin zum
Umgang mit Konflikten -.

Von den täglichen Gewalt- und Aggressionserfahrungen im Einzeldienst hat Herr Professor offenbar auch nichts wahrgenommen.

Die überwältigende Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger dieser Stadt stellen
den Kolleginnen und Kollegen regelmäßig ein sehr gutes Zeugnis aus – das ist
nicht zu erreichen, wenn - wie geschehen - Herr Professor den Kolleginnen
und Kollegen „ruppiges Auftreten“ unterstellt.
Die Gewerkschaft der Polizei fordert den Herrn Professor auf, sich wieder auf
den Boden der Tatsachen zu begeben und uns mit derartigen Gemeinplätzen
zu verschonen.

Das Verhalten des Professors ist respektlos gegenüber den Kolleginnen und Kollegen – und das nehmen wir als Gewerkschaft nicht hin.

Wir wissen nicht, was den Professor zu einer solchen unprofessionellen
öffentlichen Darstellung getrieben hat – er sollte vorher die fragen, die es
wissen. Er gibt in seiner Ahnungslosigkeit ein schlechtes Bild für die HdP ab
und vergrößert nur noch deren Krise.

Die Gewerkschaft der Polizei ist gerne bereit, dem Herrn Professor auf dem Weg zurück in die Realität behilflich zu sein.

Der Landesvorstand


Auf unser vorstehendes Flugblatt reagierte Herr Prof. Behr mit nachstehendem Schreiben, dass wir gern bereit sind, hier zu veröffentlichen.
Ausdrücklich nehmen wir nicht Stellung zu den aus unserer Sicht enthaltenen Vorwürfen, sondern fordern die Leserinnen und Leser auf, sich ein eigenes Bild zu machen.
Für Fragen und Anregungen steht der Landesbezirksvorstand gern zur Verfügung.


Prof. Dr. Rafael Behr Hamburg, 5.9.2011

An die Gewerkschaft der Polizei Landesverband Hamburg

„Herr Professor Behr merkt nichts mehr“

Sehr geehrte Damen und Herren der GdP,
Sie haben sich nach Kräften daran beteiligt, meinen Ruf als Professor der Lächerlichkeit preiszugeben. Jetzt erkenne ich aber auch an, dass Sie bereit sind, meine Replik zu veröffentlichen. Dafür danke ich Ihnen.

1. Das „Jammern“ i.S. von klagen ist in der Tat ein den Gewerkschaften, auch den Polizeigewerkschaften, zugebilligtes Stilmittel. Daran ist nichts auszusetzen, es gehört zu den Spielregeln, aber es darf ja wohl mal erwähnt werden, dass nicht alles, was von Gewerkschaftsseite kommt, die einzige und nüchterne Wahrheit ist, sondern eine, die gebunden ist an eine bestimmte Perspektive. So viel Rollenverständnis müssten Sie doch haben und so viel Verständnis von der Konstruktion von Themen würde ich Ihnen auch unterstellen.

2. Ich werfe keinem Kollegen und keiner Kollegin vor, sich in „defensiver Solidarität“ zu üben. Sie wissen offensichtlich nichts mit diesem Begriff anzufangen, der von Thomas Ohlemacher schon vor zehn Jahren benutzt wurde. Das ist nicht schlimm, aber dann tun Sie bitte nicht so, als wüssten Sie, um was es geht. Ich bin gern bereit, über diesen Begriff mit Ihnen zu debattieren. „Defensive Solidarität“ ist kein Vorwurf, sondern ein Befund aus der empirischen Polizeiforschung des KFN aus dem Jahr 2000 und aus zahlreichen internationale Polizeistudien und es gilt – zumindest unter uns Polizeiforschern – als unumstritten, dass die Arbeit der Polizei im Großstadtmilieu gerade bei jüngeren Beamtinnen und Beamten dazu führt, sich tendenziell nach außen abzuschotten und über die dienstlichen Erfahrungen nur noch mit KollegInnen zu sprechen. Also bitteschön: Das ist kein Vorwurf, sondern ein Befund. Sie können den gern infrage stellen, aber kreiden Sie das nicht mir an und sagen Sie nicht, dass ich das vorwerfe.

3. Wenn ich sage, dass man als Polizeibeamter und Polizeibeamtin damit rechnen müsse, selbst beschädigt zu werden, dann sage ich nichts anderes als die ETR-Trainer auch. Ich halte es für eine böswillige Interpretation zu glauben, ich würd das billigen oder ich würde den Menschenrechtsschutz von Polizeibeamten geringer schätzen als den anderer Menschen. Ich habe selbstverständlich von einer empirischen Tatsache gesprochen, nicht von einer normativen. Glauben Sie im Ernst, ich würde von Polizisten verlangen, dass sie auf ihre Rechte verzichten sollen? Für wie dumm wollen Sie mich eigentlich verkaufen? Nein, ich sage, wer klug ist, der rechnet aus Eigensicherungsgründen nicht damit, dass ihm die Menschen auf dem Kiez den gleichen Respekt entgegenbringen, wie in der Verkehrserziehung. Respekt ist an Zeiten, Situationen, Orte, Menschen, etc. gebunden, auch das ist eine Erfahrung von Polizisten „vor Ort“. Warum simplifizieren Sie das bewusst? Lesen Sie doch mal nur einen Aufsatz oder ein ganzes Buch zu diesem Thema, und Sie würden nicht solch törichte Dinge sagen.

4. Was ich erreichen möchte ist, dass man sein eigenes Selbstwertgefühl, den Respekt und die Achtung vor sich selbst und seinem Berufsstand nicht abhängig macht von der Klientel. Dazu braucht es eine innere Haltung, die die Beamtinnen und Beamten ausrüstet, auch gegenüber „schwierigen Kunden“ ruhig und professionell vorzugehen. Das geschieht oft, aber es hinterlässt wohl auch bei den Betroffen Verärgerung, Frustration und Ohnmacht. Hier gilt es, andere Wege der Unterstützung auszuprobieren. Ich habe die Weisheit „nicht mit Löffeln gefressen“, aber ich würde gern anregen, etwas zu versuchen.

5. Ich fordere in der Tat, dass man zum Thema Respektlosigkeit neue Wege gehen muss, und zwar explizit nicht in der Ausbildung, sondern in der Weiterbildung. Die Ausbildung ist gut, wir verlieren aber die jungen Beamtinnen und Beamten zu schnell aus den Augen. Das alte Kernproblem jeder Polizei, der Übergang von der Schule in die Praxis, müsste mit neuen Ideen gelöst werden. Vielleicht sind es Reflexionstage im ersten Dienstjahr oder weitere Module der HdP/LPS zur Praxisvertiefung. Lassen Sie da Ihre Kreativität hineinfließen, nicht in dem sie sich über mich lustig machen. #

6. Liebe GdP, ich sage es jetzt noch einmal für alle deutlich: Ich weiß nicht, woher Sie ihre Information haben, dass ich Mitglied der der Polizeikommission gewesen bin. Können Sie das preisgeben? Würden Sie so als Polizisten ermitteln, würde ich Ihnen Schlampigkeit vorwerfen. Sie sitzen einem alten Irrtum auf, der auch dadurch nicht wahrer wird, dass man ihn immer wiederholt. Außerdem: was soll dieser Einschub bewirken? Sitzen Sie da noch auf irgendwelchen Verletzungen aus dieser Zeit? Oder weiß jeder Kollege und jede Kollegin, was von einem zu halten ist, der einmal Mitglied in der Polizeikommission war? Ich fordere Sie jedenfalls zu diesem Punkt auf, es zukünftig zu unterlassen, weiterhin zu behaupten, dass ich Mitglieder der Hamburger Polizeikommission gewesen sei. Auch Ihre dreiste Spekulation, dass ich mich mit diesem Beitrag als Präsident der HdP ins Spiel bringen wolle, entbehrt nicht nur jeder Grundlage, sondern zeigt viel von Ihrer Betroffenheit, die sich hier aber mit Instinktlosigkeit und Taktlosigkeit paart. Sie wissen doch viel besser als ich, dass man in der Hamburger Polizei keine Karriere macht, wenn man zu früh zu laut zu unbequeme Dinge sagt und dabei nicht den Dienstweg einhält. Was würden Sie dazu sagen, wenn ich behaupten würde, Herr Koßel wolle Polizeipräsident werden? Wäre das schon Rufmord für Sie?

7. Ich habe also angeblich keine Ahnung von den Aggressionserfahrungen im Einzeldienst? Solange ich über die Polizei arbeite, das sind immerhin nun auch schon fast 20 Jahre, werden mindestens zwei Argumente immer gegen meine Ideen vorgetragen: „Bei uns ist alles ganz anders“ (BUIAGA) und „das war vielleicht früher mal so, aber heute ist alles ganz anders.“ Glauben Sie wirklich, dass man alles hautnah selbst erlebt haben muss (möglichst noch ganz vorne) um etwas darüber sagen zu können? Sie in der Rolle als Gewerkschafts- oder Personalratsvertreter, ich meine hier die Hauptamtler, haben ja seit einiger Zeit auch keine selbst erlebte Praxis, sondern sammeln „erzählte Erfahrungen“ von Kolleginnen und Kollegen. Genügt das, um mich lächerlich zu machen? Auch wenn meine Einzeldiensterfahrung schon einige Zeit her ist, bin ich seit dieser Zeit nicht in einem Kokon durch die Welt gelaufen. Sollten Sie mal Zeit haben, auf der Homepage der HdP meine Vita und einige meiner Schriften durchzulesen, wozu ich Sie herzlich einlade, dann würden Sie merken können, dass es neben der eigenen Erfahrung noch andere Quellen gibt, die die Wirklichkeit ausmachen und die durchaus wissenschaftlich ernst zu nehmen sind. Wenn ich mich anstrengen würde, würde es mir auch gelingen, die Praxis von Gewerkschaftsvertretern in Frage zu stellen. Die Praxis, die mir abgesprochen wurde, hält nur die eigene Erfahrung für wahr. Und das ist Ihr Dilemma: Sie folgen darin einer sehr nachvollziehbaren Haltung Ihrer Mitglieder vor Ort. Aber Sie übersetzen diese Haltung nicht in eine positive Vision, sondern kritisieren fallweise die Polizeiführung, die Gesellschaft, die Politik, die Professoren, wie es ihnen gerade beliebt.

8. Ich habe auch davon gesprochen, dass die Polizei als Institution von der Mehrheit der Bevölkerung ausgesprochen positiv bewertet wird, es ist aber ebenso wahr, dass die positive Bewertung von den meisten Beamtinnen und Beamten nicht geglaubt wird. Auch das hat das KFN schon frühzeitig erhoben.

9. Wo sehen Sie eine Respektlosigkeit gegenüber den Kolleginnen und Kollegen? Ich habe viel Respekt gegenüber den Versuchen von Polizistinnen und Polizisten, jeden Tag den Dienst so zu bewältigen, dass man an Leib und Seele unbeschadet nach Hause kommt und dem Bürger auch anständig begegnet ist. Wie Ihnen nicht entgangen sein wird, unterscheide ich sowieso ziemlich strikt in die Erkenntnisebene der Institution Polizei (inklusive ihren offiziellen Vertretern nach außen) und in die Handlungsebene der Polizisten. Das nennen wir „berufliche Lebenswelt“ – wenn Sie dazu mehr wissen wollen, lesen Sie mein Buch „Cop Culture“.

10. Was haben Sie dagegen, dass ich die Medien nutze wie Sie auch? Ich finde, die Polizei ist eine öffentliche und zivile Einrichtung und die Öffentlichkeit hat ein Recht darauf zu erfahren, was in ihr vorgeht. Die Medien sind nicht mein Feind, sondern haben eine Transportfunktion. Das wissen Sie doch für sich auch zu nutzen. Aber da bin ich bei meinem eigentlichen Lernerfolg aus der letzten Woche: es geht gar nicht um die Gewalt, sondern es geht offensichtlich darum, dass ich ihr Deutungsmonopol von der Wirklichkeit der Polizeiarbeit in Frage gestellt habe. Die einfachste Form, dies zu verhindern, ist, mir die Berechtigung abzusprechen, etwas zur Praxis sagen zu können. Dann darf aber wirklich niemand mehr etwas sagen, denn die Praxen sind sehr unterschiedlich. Glauben Sie, dass Sie zur Praxis der HdP etwas sagen können?

11. Ihr Angebot, mir zurück in die Realität (in welche eigentlich?) zu helfen, nehme ich gerne an und möchte mich einladen, bei Ihnen in der Geschäftsstelle eine Woche zu hospitieren, vielleicht zu Beginn des nächsten Jahres. Ich denke, danach weiß ich alles, was man wissen muss. Allerding knüpfe ich an diesen Besuch auch die Forderung, dass Sie endlich beginnen, sich auch mit Theorie auseinanderzusetzen, und zwar nicht nur mit der, die Ihre sowieso durch gewerkschaftliche Praxis sich selbst bestätigende Erfahrung unterstützt. Ich kann Ihnen bei der Auswahl der Literatur gern behilflich sein.

12. Ich nehme den Verlauf der aktuellen Diskussion so wahr, dass es Ihnen nicht gelungen ist, mich mit dem label „profilneurotischer Professor“ lächerlich zu machen, obwohl die Diktion Ihres Flugblatts dazu geeignet war. Ich nehme wahr, dass es offenlegt, dass die Gewerkschaften mindestens in Hamburg in einer veritablen Krise stecken. Anders kann ich den Gleichklang der Reaktionen zwischen Polizeiführung und Gewerkschaften und des BdK nicht erklären. Ich bin aber gern bereit, darüber und über anders mit Ihnen zu sprechen, aber mit Respekt vor den jeweiligen Rollen und – bitte – sachkundig.

Beste Grüße
Rafael Behr
© 2007 - 2016 Gewerkschaft der Polizei Bundesvorstand