Der deutsche Fußball und sein Gewaltproblem

Erschienen im Landesjournal der GdP M-V - Ausgaben 02 und 03 2012
Frei für Journalistinnen und Journalisten in ihrer Berichterstattung bei Nennung:
"Olaf Kühl (†) - GdP M-V" bzw. "Olaf Kühl (†) - Gewerkschaft der Polizei Mecklenburg-Vorpommern"

Hinweis: Am 03. Februar 2012 ist es endlich wieder soweit! Die Winterpause ist beendet und der VfL Bochum tritt gegen den F.C. Hansa Rostock (Anstoß: So. 05.02.2012 13:30 Uhr) an. Das Jahr 2011 war düster und es war kein gutes Jahr für die deutschen Ultras. Erst versagte die Legalisierung von Pyrotechnik, dann verschärfte sich das Verhältnis mit den Ordnungskräften. Es herrscht viel Unwissenheit über das Wesen der Ultras. Dieser Beitrag von Polizeidirektor Olaf Kühl (†) zeigt einige Szenerien und Hintergründe. (Olaf Kühl (†), Autor des Beitrages)

Der deutsche Fußball und sein Gewaltproblem
Die Ereignisse rund um den Fußball in Deutschland überschlagen sich. Die Europameisterschaft 2012 in Polen und der Ukraine vor Augen hat der deutsche Fußball ein erhebliches Gewaltproblem in der Ultraszene.

Verletzte Ordner, Polizisten und Besucher von Stadien sind jedes Wochenende zu beklagen. Die Gewalt nimmt in Intensität und Härte weiter zu. Eine offene Bauchwunde eines Polizisten in Osnabrück nach dem Wurf eines Böllers, Fans die um ihr Leben laufen, um nicht von Dresdner Ultras erreicht zu werden, das gezielte Abfeuern von Leuchtraketen auf den Gästefanbereich bestimmen mittlerweile die Schlagzeilen und die Diskussionen.

Der Deutsche Fußball Bund (DFB) reagiert mit harten Strafen gegen die beteiligten Vereine. Pokalausschluss für die SG Dynamo Dresden oder das Heimspiel unter Ausschluss der Öffentlichkeit des F.C. Hansa Rostock.
Es scheint, dass die Beteiligten erkannt haben, dass der deutsche Fußball ein ernstzunehmendes Problem hat. Und dieses liegt nicht nur im Osten der Republik. Vereine wie der 1. FC Köln oder Eintracht Frankfurt kämpfen mit den gleichen Phänomenen.

Die gewaltbereiten Ultras nehmen schon seit geraumer Zeit Einfluss auf den Spielplan und die Abläufe im deutschen Fußball. Erinnert sei hier nur an die zahlreichen Absprachen zwischen Polizei und DFB/DFL bei der Spieltagplanung. Die Gewalt ist ein allumfassendes Problem und umfasst neben den Stadien auch das Stadionumfeld, die Autobahnraststätten, oder die Bahnanreisen. Die Gefahr, die von den gewaltbereiten Ultras ausgeht, ist mittlerweile so groß, dass sie den ordnungsgemäßen Spielbetrieb in den Ligen gefährdet.

Die negativen wirtschaftlichen Auswirkungen dieser Gewaltbereitschaft für die Vereine und die Verbände werden sich weiter potenzieren. Neben den zu zahlenden Strafen durch die Vereine, wird sich die Anzahl des Ordnungspersonals in den Stadien erhöhen müssen. Sponsoren ziehen erste Konsequenzen und verabschieden sich aus dem Fußball, um zu verhindern, dass ihr Unternehmen mit der Gewalt beim Fußball in Verbindung gebracht wird.

Verantwortlich für diese Entwicklung ist eine, gemessen an der Zuschauerzahl in den Stadien, kleine gewaltbereite Gruppe von Ultras. Diese spielen im Rahmen der Wirtschaftsbilanz eines Vereines keine Rolle. Umso unverständlicher ist der privilegierte Umgang der Vereine mit diesen Gruppierungen.

Die Stärke der gewaltbereiten Ultras
Die Ultraszene in Deutschland hat einen ungebrochenen Zulauf zu verzeichnen. Die Ultrabereiche in den Stadien weiten sich immer mehr aus und sind teilweise durch den Ordnungsdienst und die Polizei nicht mehr kontrollierbar. Die regelmäßige „Erstürmung“ der Einlassbereiche der Stadien durch die Ultras ist nur ein Phänomen dieses Zustandes.

In den letzten Jahren fand eine immer stärkere Vernetzung der einzelnen Ultraszenen statt. Diese ist dadurch gekennzeichnet, dass gemeinnützige Vereine gegründet und geschlossene Netzwerke gebildet wurden.

In den Ultraszenen herrscht eine fast schon krankhafte Angst vor Infiltration durch die Polizei und den Staat im Allgemeinen. Bevor neugewonnene Mitglieder in den inneren (vertrauenswürdigen) Kreis aufgenommen werden, müssen sie sich an verschiedenen Aktionen/Prüfungen beteiligen. Dafür wurde ein streng geheimes Punktesystem entwickelt. So erhält das Mitglied für das Rauben eines Fanschals wie für den Angriff auf einen Polizisten eine festgeschriebene Punktzahl. Dieser Prozess zieht sich in der Regel über mehrere Monate hin. Die Professionalität in der Abschottung der gewaltbereiten Szene und die Vorbereitung und Durchführung von Aktionen hat erheblich zugenommen. Die Netzwerke und die Kommunikationsstrukturen der Ultras sind nur einem kleinen vertrauenswürdigen Personenkreis bekannt. In diesem engen Kreis werden auch die Aktionen besprochen, geplant und abgestimmt. Beispiele für derart geplante Aktionen sind der Überfall auf einen Regionalexpress am 28.Mai 2011 bei Schwerin, mehrere Angriffe auf Polizeidienststellen in Mecklenburg-Vorpommern und die Bedrohung des Leiters der Polizeiinspektion Rostock im Mai 2011.

Bundesweit ist diese Art von Aktionen zunehmend zu verzeichnen. Es ist dabei wenig hilfreich, wenn immer wieder von Splittergruppen oder Einzeltätern der Szene die Rede ist. Die Planung und Durchführung der Aktionen erfordert einen entsprechenden logistischen Aufwand. Die Aktionsformen sind vergleichbar mit denen militanter Gruppierungen.

Die gewaltbereiten Ultraszenen in Deutschland sind streng hierarchisch aufgebaut und gehen arbeitsteilig vor. Neben einem Mitglied das für die Sicherheit der Gruppe verantwortlich zeichnet, kümmert sich ein anderes Mitglied um die Finanzen und wiederum ein anderes um den Entwurf oder den Verkauf von Ultrautensilien.
Durch die Gründung von Dachvereinen sichert sich die Ultrabewegung ihre Geschäftsfähigkeit und weitere Finanzierungsmöglichkeiten. Neben der Erhebung von Mitgliedsbeiträgen ist so auch die Anmietung von Sonderzügen für Eventfahrten möglich. Mittlerweile prüfen einige Vereine die Gründung von GmbH, weil die erzielten Gewinne nicht mehr mit dem geltenden Vereinsrecht in Einklang zu bringen sind. Es ist davon auszugehen, dass mittlerweile einige Ultraszenen finanziell unabhängig sind und ihre wirtschaftliche Leistungsfähigkeit weiter ausbauen werden.

Der Ausbau des wirtschaftlichen Erfolgs geht in erster Linie zu Lasten der Vereine. Da viele Mitglieder der Ultraszene über beschränkte wirtschaftliche Möglichkeiten verfügen, werden vermehrt die Ultraartikel und nicht die Fanartikel der Vereine gekauft.
Die Ultraszene, die angeblich alles für „den Verein“ gibt, entzieht somit „ihrem Verein“ einen Teil des wirtschaftlichen Ertrags. Ein Grundsatz des Ultramanifestes, der sich gegen die Kommerzialisierung des Fußballs richtet, wird durch die eigene wirtschaftliche Ausrichtung ad absurdum geführt.

Die Zusammensetzung der gewaltbereiten Ultragruppierungen in Deutschland ist unterschiedlich. Es muss davon ausgegangen werden, dass sowohl autonome „Linke“ als auch autonome „Nationalisten“ in den Gruppen vertreten sind. Die Teilnahme von Ultragruppierungen (unter Nutzung ihrer Banner) an Versammlungen mit teilweise gewalttätigem Verlauf lässt diesen Schluss zu.
Der Gruppendruck bzw. –zwang hat in den gewaltbereiten Ultragruppierungen erheblich zugenommen. Schwankende Mitglieder werden mit „intensiver Argumentation“ wieder auf „Linie“ gebracht. Reicht diese Argumentation nicht aus kommt es zu offenen Drohungen und bis hin körperlichen Angriffen.

Die Ultras sind im täglichen Leben sehr präsent. Neben den häufigen Treffen in den Vereinsräumen, trifft man sich in Diskotheken und anderen Szenelokalen. Für einen möglichen Aussteiger aus der Ultraszene wird es sehr schwer sich in seinem Umfeld normal zu bewegen, da er dann ständig Anfeindungen ausgesetzt ist.

Drohungen durch Graffitis im Wohnumfeld gehören zum regelmäßigen Erscheinungsbild wie


das regelmäßige Zerlegen des Briefkastens mittels Böller. Das führte in einigen Fällen dazu, dass ehemalige Mitglieder der Ultraszene den Wohnort wechselten, um wieder ein normales Leben ohne Angst zu führen.

Hat sich in einem Gebiet eine Ultragruppierung etabliert, werden neue Zusammenschlüsse von Fans kritisch beäugt. Sollte diese Fangruppierung den Interessen der Ultras entgegenstehen bzw. zu groß werden, wird diese bekämpft. Dabei gibt es verschiedene Eskalationsstufen. Es beginnt mit Gesprächen, ob sie sich der Ultraszene anschließen möchte. Erfolgt kein Übertritt werden Drohungen, dass man ihr „Handeln nicht dulden“ formuliert. Im Weiteren erfolgt dann die körperliche Auseinandersetzung gepaart mit einem intensiven Auftritt von Ultras im Wohnumfeld der Mitglieder der zu bekämpfenden Fangruppierung. Spätestens die letzte Eskalationsstufe führt in der Regel dazu, dass die neue Fangruppierung aufgibt.

Ein nicht zu unterschätzender Fakt ist die körperliche Präsenz der gewaltbereiten Ultras. Neben der mittlerweile erheblichen Anzahl gewaltbereiter Ultras ist ihre körperliche Fitness und Kampfsporterfahrung von Bedeutung. Um auf die geplanten oder zufälligen Auseinandersetzungen vorbereitet zu sein, trainieren die Ultras regelmäßig in Fitnessklubs. Dazu gehört auch, dass Zweikampfkurse mit professionellen Trainern belegt werden. Diese beabsichtigte körperliche Präsenz wirkt im Umfeld und schüchtert andere Fangruppierungen ein.
Das Wissen um ihre Stärke zeigt sich in zunehmend ihrem Gebaren. So führten z. B. gewaltbereite Ultras (50 Personen am Rande eines Zweitligaspiels (Rostock gegen Paderborn) Schaukämpfe auf dem benachbarten Spielfeld durch, ohne dass die Polizei oder der Ordnungsdienst eingreifen konnten.

Auch die Veröffentlichungen der Szene werden immer militanter. So veröffentlichte die Ultraszene des F.C. Hansa Rostock in ihrem Ultrablatt „Greif zu!“ ein Foto mit einer deutlichen Drohung gegen den Ordnungsdienst. (siehe Foto)

Das strukturierte und professionelle Vorgehen von Ultragruppierungen sind eine erhebliche Gefahr für den Fußball.

Die häufig geäußerte Auffassung, dass es sich bei den Mitgliedern der Ultraszene um Personen mit einem niedrigen Bildungsabschluss handelt, muss entschieden widersprochen werden.
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Die Ultraszene (auch die gewaltbereite) setzt sich aus allen sozialen Schichten der Gesellschaft zusammen. So sind in der Szene u. a. Rechtsanwälte, Studenten, Rettungssanitäter, Ingenieure und auch Polizisten aktiv.

Durch das vorhandene Bildungsniveau gelingt es den Ultras sowohl bei den Vereinsgremien als auch bei den Medien Gehör zu finden. Sie vermitteln den Eindruck, dass man mit ihnen über alles reden kann und sie eigentlich „nur“ aktive Fans des Vereins sind. Für Ausschreitungen machen sie in der Regel Einzeltäter, den Ordnungsdienst oder die Polizei verantwortlich. Durch die Unwissenheit der Gesprächspartner über die Struktur und die Ziele der Ultras erreichen sie immer wieder Verständnis für ihre Positionen und positive Verhandlungsergebnisse.

Um intensiver auf die Vereinspolitik Einfluss zu nehmen, verfolgen Ultras verstärkt das Ziel, sich in Vereinsgremien zu engagieren bzw. sich in diese wählen zu lassen. Dieses Ziel wird mittel- bzw. langfristig verfolgt. Einige Mitglieder der Ultraszene, die jahrelang in der ersten Reihe aktiv waren, ziehen sich in die zweite Reihe zurück, um nicht Gefahr zu laufen, bei Straftaten festgestellt zu werden bzw. ein Stadionverbot zu erhalten. Bei der anstehenden Wahl von Vereinsgremien haben sie dann das „Saubermann“-image und werden gewählt.

Ein häufiger Fehler im medialen Umgang mit den Ultras ist die Gleichsetzung mit Hooligans. Beide Gruppen sind in keiner Weise vergleichbar und verfolgen unterschiedliche Ziele. Hatten die Hooligans in erster Linie das Ziel ein Kräftemessen mit Gleichgesinnten durchzuführen (ersatzweise auch mal mit der Polizei), verfolgen die Ultras das Ziel, dem Fußball in allen Facetten ihren Stempel aufzudrücken.

Hatten Hooligans bei Auseinandersetzungen noch Regeln und einen Ehrenkodex werfen die Ultras zur Sicherung und Ausbau ihrer Macht alle Regeln über Bord. Auf ihrer Jagd nach Trophäen und gegnerischen Fanutensilien ist kein friedlicher Fußballfan mehr sicher. Mittlerweile gibt es im Internet Verhaltenshinweise für Auswärtsfahrten zu bestimmten Vereinen. Es wird empfohlen, bestimmte Straßenzüge zu meiden und wenn möglich, nur in größeren Gruppen zum Stadion zu gehen. Die Fanutensilien sollte bei der Anreise nur verdeckt getragen werden. Das sind die Szenarien, die die Anreise friedlicher Fußballfans zu einem Auswärtsspiel bestimmen. Verantwortlich für diese Entwicklung sind die Ultras und ihr Verständnis vom Event Fußball.

Die Ultraszene übt eine ungebrochene Anziehungskraft auf Kinder und Jugendliche aus. Auf der Suche nach Halt und Anerkennung in der Gesellschaft, finden die Kinder und Jugendlichen gleichgesinnte Partner in der Ultraszene. Durch das immer geringer werdende staatliche Angebot von Freizeitaktivitäten erhöht sich das Potential von Kinder und Jugendlichen, die die Treffpunkte der Ultras nutzen. Bei den Diskussionen über den Fußball und beim Herstellen der Choreografien finden sie Anerkennung, fühlen sich verstanden und gehören zur Gruppe. Die regelmäßigen Besuche der Treffpunkte ermöglicht auch eine intensive Werbung für die Grundsätzen und den Verhaltenskodexes der Ultras.

Die Hilflosigkeit der Vereine
Die Vereine sind derzeit die Leittragenden der Situation. Häufige Strafzahlungen an den DFB, Teilausschlüsse von Zuschauern, Geisterspiele sowie der Rückzug von Sponsoren sind die Folge. Einige Vereine werden damit in ihrer wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit erheblich beeinträchtigt.

Viele Vereine haben sich mit ihren Entscheidungen im Umgang mit den Ultras in den vergangenen Jahren selbst in diese Situation hereinmanövriert. Die immer größeren Zugeständnisse an die Ultraszene haben wie ein Katalysator gewirkt und eine Situation geschaffen, wo die Durchführbarkeit von Fußballspielen ernsthaft diskutiert werden muss. Da ist es nicht zielführend, dass Vereine von einem gesamtgesellschaftlichen Problem sprechen und die Verantwortung auf möglichst viele (andere) verteilen wollen.

Der Anfang einer Lösung beginnt bei den Vereinen. Sie müssen sich konsequent von dem gewaltbereiten Teil der Ultras distanzieren. Dazu gehört auch, Maßnahmen gegen die gesamte Ultraszene anzudrohen und auch zu vollziehen, wenn sie sich nicht von den Gewalttätern trennt. Die Situation ist derart gefährlich, dass häufig nur noch konsequentes Vorgehen gegen die gewaltbereite Szene zur Lösung führt.

Es sollte darüber nachgedacht werden, ob die Vereinsstrukturen aufgrund der brisanten Situation noch zeitgemäß sind.
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Ein durch die Mitgliederversammlung zu wählender Aufsichtsrat ist eine Schwachstelle, wenn man bedenkt, dass die Mitgliederversammlung durch die zahlreichen Mitglieder der Ultraszene dominiert werden kann.

Auf dem Weg zur Zurückdrängung der gewaltbereiten Ultraszene benötigen die Vereine eine breite öffentliche Unterstützung. Wenn ein Verein beginnt die Privilegien der Ultras zu beschneiden, ist damit zu rechnen, dass seine Repräsentanten zeitnah Rücktrittsforderungen ausgesetzt sind. Diese werden über die Ultrakurve aber auch über die Medien kommuniziert. Auch persönliche Angriffe auf Vereinsvertreter und deren Eigentum sind einzukalkulieren.

Um diesen Druck zu minimieren, ist ein breites öffentliches Bündnis erforderlich. Nur wenn sich bei allen Beteiligten die Erkenntnis durchsetzt, dass die Ultrabewegung auch für andere Bereiche der Gesellschaft gefährlich ist, kann dieses Bündnis zustande kommen.

Auch die Fanarbeit der Vereine ist einer Analyse zu unterziehen. Häufig ist diese schon zu sehr auf den Bereich der Ultras fokussiert. Die „normalen“ Fans werden häufig in den Hintergrund gedrängt. Aber nach wie vor bilden die “normalen“ Fans außerhalb der Ultraszene den größten Teil der Anhänger eines Vereines. Die Berufung von Fanbeauftragten aus der Ultraszene eines Vereins sind Organisationsentscheidungen, die schnellstmöglich revidiert werden müssen. Es ist nicht möglich Maßnahmen gegen gewaltbereite Ultras durchzuführen, wenn der Fanbeauftragte in der Ultraszene tief verwurzelt ist. Eine derartige Konstellation ist keinem Partner des Vereins zuzumuten.

Dem Verein muss klar sein: gewaltbereite Ultras können nicht in die herkömmliche Fanarbeit integriert werden. Sie verfolgen ihre eigenen Ziele, die zum Teil den Vereinszielen entgegenstehen. Das Ziel einer neuausgerichteten Fanarbeit sollte die Zurückdrängung des Einflusses der Ultras sein.

Diese Fanarbeit sollte durch Personen geleistet werden, die eine sozialpädagogische Ausbildung vorweisen können. Des Weiteren sind diese Fanbetreuer intensiv über die Ultraszene aufzuklären und fortzubilden. Wünschenswert wäre es, wenn ehemalige Spieler des Vereins in die Fanarbeit integriert werden. Auch diese sind im Vorfeld intensiv zu beschulen.

Die Zurverfügungstellung von Vereinsräumlichkeiten für ein Fanprojekt und deren regelmäßige Öffnung sind Grundvoraussetzungen einer veränderten Fanarbeit. Die Gestaltung eines attraktiven Programms im Fanprojekt könnte den Einfluss der Ultras zurückdrängen. Dazu gehören zum Beispiel regelmäßige Treffen mit der Mannschaft, den Trainern und Vereinsfunktionären. Der Verein muss sich zu seinem Fanprojekt bekennen und dieses Angebot nur in seinen Vereinsräumlichkeiten durchführen. Dieses sichert Exklusivität und Attraktivität und erleichtert die Arbeit der Fanbetreuer.

Die sich so neu ausgerichtete Fanarbeit ist durch den Verein auch zu schützen. Es muss davon ausgegangen werden, dass die gewaltbereiten Ultras diese Entwicklung nicht ohne Widerstand hinnehmen werden. Ein ständiges klares Bekenntnis zur Neuausrichtung der Fanarbeit ist ein absolutes Erfordernis.

Die Intensivierung und Unterstützung von Vereinsfreundschaften sollte ebenfalls ein Ziel der Fanarbeit sein. Dieses dient in dem Abbau von Vorurteilen und Feindbildern. Auf dem Gebiet der sozialen Projekte gibt es zahlreiche Erfahrungen. Die Vereine sollten diese beim Aufbau neuer Fanprojekte nutzen und prüfen, ob Synergien mit anderen, schon bestehenden Projekten möglich sind.

Die Situation der Polizei
Die Polizei verzeichnet in den letzten Jahren eine immer größere Radikalisierung der Ultraszene. Die Zunahme der Gewaltbereitschaft ist nicht nur in und außerhalb der Stadien zu verzeichnen, sondern insbesondere auf den Anreisewegen. Hundertschaften von Einsatzkräften versehen Woche für Woche ihren Dienst, um eine ordnungsgemäßen Spielbetrieb der Fußballligen abzusichern. Die steigende Abschottung der gewaltbereiten Ultras stellt ein zunehmendes Problem für die Polizei dar. Das jahrelang bewährte System der Szenekundigen Beamten (SKB) greift in der Ultraszene nur unzureichend. Dadurch laufen polizeiliche Aufklärungsmaßnahmen zunehmend ins Leere und zielgenaue Einsatzplanungen sind kaum möglich. Es ist zu erwarten, dass durch das konspirative Verhalten der gewaltbereiten Ultraszene, die polizeiliche Erkenntnislage nicht verbessert.
"Kenne Deinen Feind", eine Gegnervorstellung der Fanszene des TSV 1860 aus einer Rostocker Fanzeitung
Randalebarometer
Die Einsatzdurchführung in den Stadien ist mittlerweile dadurch gekennzeichnet, dass die Blockbereiche der Ultras nur noch im Notfall durch Polizei und Ordnungsdienst betreten werden. Bei Einsatzmaßnahmen der Polizei tritt sofort eine große gewaltbereite Masse der Polizei gegenüber, um die Maßnahmen zu verhindern. Somit ist jedes Eingreifen im Ultrablock mit einem hohen Risiko für die Einsatzkräfte verbunden und muss genau abgewogen sein.

Das Phänomen der Erstürmung der Einlassbereiche hat in der letzten Zeit deutlich zugenommen. Dabei wird der Druck auf die Eingangsbereiche der Stadien bewusst durch eine größere Anzahl von Ultras derart erhöht, dass der Ordnungsdienst und die Polizei die Kontrollen aus Sicherheitsgründen einstellen müssen, weil die Gefahr des Erdrückens von Personen gegeben ist. Diese Taktik hat das Ziel, Personen mit Stadionverbot und mit Pyrotechnik in das Stadion hineinzubekommen.

Aufgrund dieser Aktionen waren in Rostock am 19.11.2011 beim Spiel des F.C. Hansa Rostock gegen den F.C. St. Pauli fünf verletzte Ordner und am 25.11.2011 beim Spiel des F.C. Hansa Rostock gegen den 1. F.C. Union Berlin drei verletzte Ordner zu beklagen.

F.C.Hansa Rostock - St.Pauli am 19.11.2011
"Erstürmung des Einlassbereiches"
Durch die gewaltbereiten Ultras wird auch die Verletzung Unbeteiligter bei diesen Aktionen billigend in Kauf genommen. Für die Polizei und die Ordnungsbehörden wird der Umgang mit den Vereinen immer schwieriger. Zum einen, weil Ultras als offizielle Vereinsvertreter benannt und weil die Fußballspiele in den Stadien immer häufiger von Gewalt begleitet werden. Bei anderen Veranstaltern würde schon längst die Frage nach der Zuverlässigkeit intensiv gestellt werden…

Die Rolle des DFB und der Fußballverbände
Die Ultraproblematik wirkt sich auch in den unteren Ligen aus. Neben dem Abbrennen von Pyrotechnik ist auch eine Zunahme der Gewaltbereitschaft zu verzeichnen. Das Phänomen der Verharmlosung von Pyrotechnik kommt hierbei den Ultras zu Gute. Häufig wird das Abbrennen von Pyrotechnik in den Spielberichten nicht vermerkt, da der Schiedsrichter das Problem nicht ernst nimmt bzw. den gastgebenden Verein vor einer Strafe schützen will.

Durch die Verbände sind die Vereine verstärkt auf ihre Rolle als Veranstalter mit den entsprechenden Rechten und Pflichten hinzuweisen. Dafür sind Hilfsangebote und Schulungen erforderlich.
Video: Pyroaktionen - FC Hansa Rostock - St. Pauli
Hansa Rostock - St.Pauli am 19.11.2011
Die in der Regel ehrenamtlich geführten Vereine sind mit dieser Situation allein überfordert und bedürfen der Hilfe der Verbände. Ein abgestimmtes Schulungsprogramm des DFB, verpflichtend für alle Regional- und Landesverbände, wäre wünschenswert.

Die Einführung von Ordnerschulungen für die unteren Ligen wäre ebenfalls förderlich, um das Abbrennen von Pyrotechnik zu verhindern und die Gewalt einzudämmen. Die Schaffung von Rechtssicherheit bei den eingesetzten ehrenamtlichen Ordnern der Vereine ist eine Voraussetzung für einen ordnungsgemäßen Spielbetrieb in den unteren Ligen. Neben den Rechten und Pflichten eines Ordners sollte der Umgang mit brennender Pyrotechnik geschult und über das Phänomen „Ultra“ aufgeklärt werden.

Zur Unterstützung der Vereine werden Vereins- und Ordnerschulungen seit 2010 im Landesfußballverband M-V angeboten und durchgeführt.In den Regional- und Landesverbänden sollten einheitliche Sicherheitsrichtlinien gelten, um einen nach einheitlichen Standards ablaufenden Spielbetrieb zu sichern. Das trifft ebenfalls auf die Vereinheitlichung von Stadionverbotsrichtlinien zu.

Probleme im Bereich der Ordnung und Sicherheit sind in allen Regional- und Landesverbänden vorhanden. Deshalb ist es nicht nachvollziehbar, dass dieser Problematik nach wie vor zu wenig Aufmerksamkeit gewidmet wird. Die Einrichtung einer Arbeitsgruppe Sicherheit und Prävention auf Regional- und Landesebene sollte zwingende Vorgabe werden. An fehlenden finanziellen Ressourcen in den Verbänden kann es nicht liegen. Hier muss die Frage erlaubt sein, ob eine finanziell sehr stark ausgeprägte Schiedsrichterbeobachtung zugunsten der Verbesserung der Sicherheitsstandards etwas zurück treten sollte.

Die verstärkte Federführung des DFB ist in diesem Problembereich wünschenswert. Der Rückzug auf die Verantwortlichkeiten für die Ligen eins bis drei wäre im Sinne der Sache nicht hilfreich.

Resümee:
Das Ultraproblem ist nicht alleine durch die Vereine, die Polizei, die Politik, die Verbände, oder die Medien zu lösen. Alle müssen in ihren Bereichen Verantwortung übernehmen, die Probleme analysieren und im Rahmen ihrer Zuständigkeiten und Möglichkeiten Maßnahmen gegen die zunehmende Gewalt ergreifen. Das Verweisen auf die gesamtgesellschaftliche Problematik hilft hier nicht weiter.

Nur ein Zusammenwirken aller Beteiligten ermöglicht es, den Einfluss der gewaltbereiten Ultras zurückzudrängen und den Spielbetrieb wieder sicherer zu machen.


Olaf Kühl (†)
Leiter Fachausschuss Schutzpolizei der Gewerkschaft der Polizei (GdP) Mecklenburg-Vorpommern



weiterführende Internetlinks zu den Themengebieten Fußball - Gewalt - Ultras:
ZDF Sportstudio vom 14.01.2012
Thema Gewalt

Neue Dimension der Gewalt

Die Ausschreitungen in deutschen Fußballstadien nehmen neue Dimensionen an. Die Anzahl der Verletzten pro Saison hat zugenommen. Kann man noch sicher ins Stadion gehen?


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