Polizeiberuf benötigt kulturelles Bewusstsein
In der Septemberausgabe DEUTSCHE POLIZEI 2024 berichteten wir über die Seminarreise einer Delegation der Gewerkschaft der Polizei (GdP) unter Führung des Bundesvorsitzenden Jochen Kopelke in die kalifornische Metropole Los Angeles auf Einladung des Simon Wiesenthal Centers. Am Rande des Seminars fanden Aktivitäten statt, etwa ein Gespräch des stellvertretende Bundesvorsitzenden Sven Hüber mit Charles Evans, stellvertretender Direktor des Programms „Tools for Tolerance“ im Bereich Strafjustiz.
Im „Museum of Tolerance“ des Simon Wiesenthal Centers sprachen Evans und Hüber über die Anforderungen an eine moderne Polizei und wie man junge Menschen für den Polizeiberuf begeistert.
Sven Hüber: Charles, ich freue mich auf unser Gespräch. Lass uns über moderne Polizeiarbeit sprechen. Was sind Deiner Meinung nach die Anforderungen an eine moderne Polizei? Welche Eigenschaften sind wichtig?
Charles Evans: Eine moderne Polizistin und ein moderner Polizist müssen agil sein und die Fähigkeit besitzen, auch subtile Signale in der Umgebung wahrzunehmen. Es ist leicht, in festgelegten Denkmustern zu verharren, daher ist diese Flexibilität essenziell für den Polizeiberuf. Wir müssen in der Lage sein, schnell auf die Herausforderungen der heutigen Welt zu reagieren. Das erfordert Anpassungsfähigkeit. In Los Angeles leben viele Menschen aus anderen Ländern – sowohl legal als auch illegal. Unsere Gemeinschaft ist sehr vielfältig geworden. Wichtig für uns ist es, ein noch stärkeres kulturelles Bewusstsein zu entwickeln.
Hüber: Das trifft auch in Deutschland zu. Die Realität im beruflichen Alltag, unserer Kolleginnen und Kollegen, hat sich stark verändert.
Evans: Genau, Polizistinnen und Polizisten müssen heute mit einer neuen Realität umgehen. In der Vergangenheit haben wir oft eine Art „Kriegermentalität“ angenommen. Aber das führt nicht weiter und reicht nicht mehr aus. Wir müssen vielmehr auch Lehrende sein. Viele Kolleginnen und Kollegen kommen mittlerweile mit einem höheren Bildungsabschluss zu uns. Das ist grundsätzlich gut, jedoch erledigen sie ihre Polizeiarbeit dadurch nicht prinzipiell besser. Aber es verleiht ihnen eine breitere Perspektive sowie alternative Optionen, die wir bei wichtigen Entscheidungen innerhalb unserer Polizeibehörden berücksichtigen müssen.
Hüber: Das entspricht den Ideen unserer jungen GdP-Mitglieder – über 65.000 junge Polizistinnen und Polizisten, die durch die JUNGE GRUPPE (GdP) vertreten werden. Sie haben das „Potsdam Paper“ verfasst und darin Maßnahmen herausgearbeitet, die ein attraktives Arbeitsumfeld schaffen und damit die Attraktivität des Polizeiberufs erhöhen. Denn in Deutschland sinkt die Zahl der Bewerbungen bei der Polizei, was zu starken Personalengpässen führt. Wie ist die Lage im Los Angeles Police Department, auch hinsichtlich der Anforderungen an junge Beschäftigte, auch speziell für die internationale Zusammenarbeit, die in der aktuellen Zeit immer bedeutsamer wird?
Evans: Wir erleben hier in den USA eine ähnliche Situation. Die Personalengpässe, die ihr in Deutschland erfahrt, stellen wir auch fest. Es gab einen Paradigmenwechsel. Früher orientierte sich die Polizeiarbeit an einem technischen Modell, heute ist sie eher ökonomisch ausgerichtet. Bezugnehmend auf die internationale Zusammenarbeit und für Polizeibeschäftigte wichtige Eigenschaften, gibt es fünf Schlüsselpunkte: ein Mangel an Vertrauen, Angst vor Konflikten, geringe Einsatzbereitschaft, mangelnde Rechenschaftspflicht und Unaufmerksamkeit gegenüber Ergebnissen. Diese Punkte sind in der Polizeiarbeit entscheidend, und sie zu beseitigen, erfordert echte Zusammenarbeit – nicht nur Gespräche. Wir müssen einen echten Dialog priorisieren, inklusive zielführender Debatten, um verschiedene Perspektiven einzubeziehen. Grenzen können entweder verbinden oder einschränken, und wir müssen Wege finden, sie weltweit für stärkere Verbindungen zu nutzen.
Hüber: So ist es, deshalb ist die GdP für den Dialog und künftig engeren Austausch nach Los Angeles gekommen. Charles, mich interessiert, welche Strategien werden aktuell von Polizeibehörden und -gewerkschaften umgesetzt, um Rekrutierungsziele zu erreichen?
Evans: Unsere Hauptstrategie ist ein effektives Marketing. Die junge Generation ist sehr unterhaltungsorientiert, daher müssen wir ihr Interesse durch kurze und ansprechende Darstellungen von Inhalten wecken. Hinzu kommt, dass junge Menschen nach einem Sinn in ihrer Arbeit suchen. Daher betonen wir Werte wie Empathie, Verbundenheit und Dienstbereitschaft. Zudem bauen wir Unterstützungssysteme aus, beispielsweise für mobiles Arbeiten, verlängerte Auszeiten und eine bessere Entschädigung im Krankheitsfall. Wir passen uns an die neuen Erwartungen an, indem wir die Rekruten fragen, was ihnen wichtig ist, und was ihre Lebensqualität verbessert, damit sie den bestmöglichen Dienst leisten können.
Hüber: Charles, ich danke Dir für Deine Zeit und freue mich, auf den künftigen Austausch zwischen dem Team des Simon Wiesenthal Centers und der Gewerkschaft der Polizei.
