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Fake News und ihre Folgen

"Wie aus falschen Behauptungen echte Probleme entstehen"

Ein Leserbrief von Kolleginnen und Kollegen der Landespolizei Schleswig-Holstein

Als Reaktion auf die mediale Berichterstattung insbesondere in den Kieler Nachrichten um „Lauschangriffe“ auf Journalisten, die im sogenannten Rockerskandal recherchieren, die politischen Antworten des neuen Innenministers Grote sowie der Pressemitteilung  der GdP SH vom 17. Juli 2017 – Die Polizei in Schleswig-Holstein leistet hervorragende Arbeit – haben wir einen von vielen Kolleginnen und Kollegen unterschriebenen Leserbrief erhalten. Nach unseren Informationen ist dieser in einer Kurzform an Presseorgane in Schleswig-Holstein verteilt. Der Geschäftsführende Landesvorstand hat sich für eine zeitnahe Veröffentlichung entschieden.

Der Inhalt des Leserbriefs:
"Mit diesem offenen Brief möchten wir unsere Bedenken zum Ausdruck bringen. „Wir“ sind diverse Kolleginnen und Kollegen aus der Landespolizei, die sich in dieser Angelegenheit emotional betroffen fühlen und dies hiermit einmal darstellen möchten. Die Berichterstattung der Kieler Nachrichten hat mittlerweile ein schier unerträgliches Maß erreicht.
Ein Korrektiv ist hier fast ausschließlich durch die Medien selbst möglich. Insbesondere nach der absurden Berichterstattung über die angebliche Überwachung, die an drei Tagen in Folge (ab 15.07.2017) die jeweiligen Leitartikel in den Kieler Nachrichten dominierte, war die Grenze des Erträglichen überschritten. Hier wurde allein auf der Basis einer E-Mail-Benachrichtigung, die fast jeder schon mal bekommen hat, eine Vermutung in den Raum gestellt, die fatale Folgen hat. Eine Benachrichtigung, die keinesfalls durch eine polizeiliche Überwachung oder gar ein polizeiliches „Hacken“ des E-Mail-Postfachs ausgelöst werden kann. Auch das extrem unprofessionelle Scannen von Frequenzen zeigte deutlich: Diese Vermutung grenzt an Verfolgungswahn.

Zu den Folgen später. Zuerst noch zwei Anmerkungen zu der Frage, warum gerade die aktuellen Berichte so beschämend erscheinen. Alles, was von den beiden Journalisten in der Öffentlichkeit im Zusammenhang mit der vermuteten Überwachung als Indiz dargestellt wurde, lässt sich schon durch intensive Recherche in öffentlich zugänglichen Quellen als Trugschluss identifizieren. Dazu gehören u.a. die gemessenen Funkfrequenzen, die Größe der angeblich verwendeten Sender und die Yahoo-Benachrichtigung.

Schließlich ergibt sich schon aus einfacher Logik und ohne intensive Recherche: Wenn tatsächlich der Verbau eines Peilsenders vermutet und nach Ansicht des Journalisten lokalisiert wurde, warum lässt dieser Journalist diesen PKW dann noch 3 Tage im Parkhaus der Kieler Nachrichten stehen anstatt es gleich untersuchen zu lassen oder sicher verschlossen abzustellen? Eine durch ihn vermutete Überwachung seines Autos wäre so skandalös, dass es einfach lächerlich erscheint, wenn dann der besagte PKW 3 Tage im Mitarbeiter-Parkhaus geparkt wird. Es sei denn, man braucht eine Ausrede, falls dann doch nichts gefunden wird. Dies war ja dann auch das Ergebnis.

Im Weiteren zu den Folgen einer derartigen Berichterstattung

- Sie beschädigt das Vertrauen des Bürgers in die Rechtsstaatlichkeit der Polizei. Vertrauen ist jedoch die Grundlage für eine erfolgreiche Polizeiarbeit. Diese Grundlage wird ohne Not gefährdet.

- Da zur Umsetzung einer solchen Aktion eine erhebliche Anzahl von Mitarbeitern involviert sein müsste, wird die Polizei in ihrer Gesamtheit angegriffen.

Keine der Medien, die Vertreter zu der Pressekonferenz am vergangenen Montag entsandt haben, hat die Frage gestellt, was eigentlich seitens der Medien selbst moralisch geboten wäre, wenn sich herausstellen sollte, dass derartige Vorwürfe aus der Luft gegriffen und unhaltbar sind.

Über die möglichen Folgen einer solchen, jeglicher Fakten entbehrenden, reißerischen Story ist bislang nichts geschrieben worden. Viele Medienvertreter haben darüber philosophiert, welche Folgen es hätte, wenn die Berichte stimmen. Es wurde aber nicht öffentlich darüber nachgedacht, was es bedeutet, wenn diese Berichte als unwahr entlarvt werden. Vom Reputationsverlust für die Kieler Nachrichten und dem vermeintlichen Gutachter einmal abgesehen…

Es ist auch nicht das erste Mal, dass die Kieler Nachrichten falsche Vermutungen reißerisch aufgemacht verbreiten. Als Beispiel sei hier der angebliche Skandal um gefälschte Zahlen im Zusammenhang mit der Einbruchskriminalität genannt (Juli 2016). Die Zahlen waren nachweislich richtig. Es wurden auf verschieden Anfragen verschiedener Medien eben jeweils die zur Frage gehörenden richtigen Zahlen herausgegeben. Auch diese Behauptung der Fälschung von Zahlen war geeignet, das Vertrauen in die Professionalität der Polizei zu erschüttern.

Es folgten im Zwischenzeitraum weitere vergleichbare Veröffentlichungen der Kieler Nachrichten, die insbesondere eine Diskreditierung der gesamten Landespolizei oder einzelner Mitarbeiter zur (evtl. beabsichtigten?) Folge hatte.

Es hilft in diesem Zusammenhang auch nicht, wenn diese Nachrichten im Konjunktiv gehalten sind. Die verheerende Wirkung ist trotzdem gegeben. Die Darstellung im Konjunktiv wird auch in der sekundären Darstellung weiterer Medien (siehe z.B. TAZ vom 17.07.2017 „Kieler Nachrichten wurden bespitzelt“) nicht mehr übernommen und verursacht damit eine verstärkende Wirkung.

Damit reiht sich die jüngste Berichterstattung der Kieler Nachrichten in eine Folge von Darstellungen falscher Tatsachen ein, die bis zum jetzigen Zeitpunkt ohne irgendeine Reaktion in der Medienlandschaft geblieben ist.

Die Frage, welche Folgen derartige Falschnachrichten (Fake News) haben, ist ausführlich und zum Teil sehr emotional beschrieben worden. Verschwörungstheorien, egal wie absurd, finden immer Abnehmer. Problematisch wird es insbesondere dann, wenn diese falschen Nachrichten von etablierten Presseorganen kommen und innerhalb der Medienlandschaft kein Korrektiv existiert.

Bei denjenigen, die der medialen Berichterstattung in diesem Fall (zu Unrecht) Glauben schenken, wird einerseits das Vertrauen in die Polizei erschüttert. Sollte es anderseits gelingen, die aktuell gegenüber der Polizei erhobenen Vorwürfe abschließend als haltlos aufzudecken, werden die Kieler Nachrichten einen Vertrauensverlust erleiden. Wem ist mit einem solchen Zustand überhaupt geholfen? Wirklich wollen kann das niemand. Gerade deswegen sollten solche Berichte frühestens dann erfolgen, wenn sie gut recherchiert und an mehreren Stellen überprüft wurden und eben nicht auf Basis einzelner Zuträger (falls diese überhaupt existieren) entstehen.

Die nachfolgenden Kolleginnen und Kollegen aus der Landespolizei unterschreiben diesen Brief offen. Viele weitere stimmen zu, lehnen aber aus Befürchtung um eine negative öffentliche Darstellung ihrer Person in der Presse/KN eine offene Unterschrift ab."

Zum Leserbrief und der Unterschriftenliste als pdf-Dokumente