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10.09.2026

Mitgliederinformation
Nachwuchs gewinnen ist das eine. Gute Ausbildung sicherstellen das andere.

Lieber Mitglieder der GdP Thüringen,
 
heute hat das Thüringer Innenministerium die neue Nachwuchskampagne der Thüringer Polizei vorgestellt.
Unter dem Motto „Schalte deine Stärke frei“ sollen insbesondere junge Menschen auf modernen und digitalen Wegen für eine Ausbildung oder ein Studium bei unserer Polizei gewonnen werden.

Grundsätzlich ist das richtig. Wir brauchen Nachwuchs. Angesichts unserer Personalsituation sind die im Koalitionsvertrag vorgesehenen 360 Einstellungen pro Jahr ein wichtiges Ziel. Und wenn eine moderne Kampagne dazu beiträgt, mehr geeignete Bewerberinnen und Bewerber für unsere Polizei zu interessieren, begrüßen wir das.

Aber eine Kampagne löst noch kein einziges Kapazitätsproblem.

Wer 360 junge Menschen pro Jahr einstellen will – perspektivisch vielleicht sogar noch mehr –, muss auch dafür sorgen, dass diese Menschen gut ausgebildet werden können. Und genau deshalb müssen wir über die Situation unserer Bildungseinrichtungen in Meiningen sprechen.

Die vorhandenen Strukturen sind für dauerhaft derart hohe Einstellungszahlen nicht ausgelegt.

Das ist ausdrücklich kein Vorwurf an die Kolleginnen und Kollegen vor Ort. Im Gegenteil: Sie sorgen mit großem Engagement dafür, dass Ausbildung auch unter zunehmend schwierigen Bedingungen funktioniert.

Aber Engagement kann fehlende Kapazitäten nicht dauerhaft ersetzen.

Wenn Unterrichtsräume fehlen und deshalb Teile einer Klasse online zugeschaltet werden müssen, mag das organisatorisch zunächst eine Lösung sein. Einen zusätzlichen Unterrichtsraum schafft eine Kamera aber nicht. Für geeignete theoretische Inhalte kann digitale Lehre sinnvoll sein. Sie darf jedoch nicht zum Dauerzustand werden, weil die notwendige Infrastruktur fehlt.

Polizeiarbeit ist und bleibt ein praktischer Beruf. Eine Durchsuchung lernt man nicht am Bildschirm. Kommunikation in schwierigen Situationen, Eigensicherung, taktisches Verhalten oder sicheres Auftreten können theoretisch vorbereitet werden – beherrschen lernt man sie nur durch praktische Übung.

Besonders deutlich werden die Grenzen beim Einsatztraining, in der IT-Ausbildung und beim Schießen. Wenn immer mehr Anwärterinnen und Anwärter dieselben Ausbildungsbereiche durchlaufen, wachsen deren Kapazitäten nicht automatisch mit. Auch unsere Ausbilderinnen und Ausbilder können steigende Einstellungszahlen nicht durch stetige Mehrbelastung auffangen. Ihr Arbeits- und Gesundheitsschutz darf dabei nicht zur Verhandlungsmasse werden. Für uns gehört deshalb beides zusammen: Nachwuchs gewinnen und gute Ausbildung sicherstellen.

Wer junge Menschen für die Thüringer Polizei gewinnt, muss ihnen anschließend auch vernünftige Bedingungen bieten. Dazu gehören ausreichend Unterrichtsräume, Unterkünfte und Trainingsmöglichkeiten, Mensakapazitäten, Lern- und Aufenthaltsbereiche – und vor allem genügend Kolleginnen und Kollegen, die eine gute Ausbildung überhaupt ermöglichen.

Es wäre fatal, mit viel Aufwand junge Menschen für unsere Polizei zu begeistern, während die Strukturen dahinter nicht mitwachsen. Wer über Attraktivität spricht, darf deshalb nicht nur auf die Nachwuchswerbung schauen. Attraktivität muss sich im Ausbildungsalltag zeigen.

Deshalb erwarten wir von den politisch Verantwortlichen, dass die notwendigen Investitionen in Ausbildungsinfrastruktur und Personal jetzt verlässlich auf den Weg gebracht werden. Die Verantwortung dafür darf nicht bei den Kolleginnen und Kollegen in Meiningen abgeladen werden.

360 Einstellungen sind ein politisches Ziel. Die Voraussetzungen dafür zu schaffen, ist politische Verantwortung. Beides gehört zusammen. Und an dieser Verantwortung werden wir die politisch Verantwortlichen messen.