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25 Jahre Deutsche Einheit: Wie hab’ ich es erlebt?

Ein Kommentar von Martin Schilff, Vorsitzender des Bundespolizeibezirkspersonalrates und Bezirksvorstandsmitglied der GdP Bundespolizei. Bereits vor dem November 1989 war bei der ehemaligen Abteilung des Bundesgrenzschutzes (BGS) in Goslar nichts mehr so wie zuvor. Zahlreiche Bürger der DDR reisten mit wenigen Habseligkeiten über Ungarn oder andere Staaten aus und kamen nach Westdeutschland. Die dafür vorgesehenen Grenzdurchgangslager […]

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Martin Schilff

Ein Kommentar von Martin Schilff, Vorsitzender des Bundespolizeibezirkspersonalrates und Bezirksvorstandsmitglied der GdP Bundespolizei.

Bereits vor dem November 1989 war bei der ehemaligen Abteilung des Bundesgrenzschutzes (BGS) in Goslar nichts mehr so wie zuvor. Zahlreiche Bürger der DDR reisten mit wenigen Habseligkeiten über Ungarn oder andere Staaten aus und kamen nach Westdeutschland. Die dafür vorgesehenen Grenzdurchgangslager wie Friedland oder Bramsche waren völlig überfüllt. So wurden auch in der Sporthalle der BGS-Abteilung der Kaiserstadt am Harz zahlreiche Familien oder Einzelreisende untergebracht, durch die Standortküche versorgt, medizinisch durch die Krankenabteilung und ansonsten durch BGS-Angehörige betreut.

Am 9. November 1989 brachen dann alle Dämme. Durch die Bekanntgabe der Grenzöffnung ging es auch in dem Grenzbereich, für den der Goslarer BGS zuständig war, drunter und drüber. So errichtete z. B. noch in der Nacht der Technische Zug gemeinsam mit Pionieren der Grenztruppen eine Behelfsbrücke zwischen Eckertal und Stapelburg, über die sich nicht nur die Bürger der beiden durch die Grenze getrennten Ortschaften treffen konnten, sondern auch der damalige niedersächsische Ministerpräsident Ernst Albrecht sich noch spätabends auf den Weg in das auf DDR-Gebiet liegende Gemeinschaftshaus zu einer Feier aufmachte. In den Folgetagen war der BGS in Goslar und anderswo damit beschäftigt, immer wieder zahlreiche Möglichkeiten des Grenzübertritts zu eröffnen sowie Geldtransporte, um die verschiedenen Rathäuser des Harzes mit Begrüßungsgeld auszustatten, zu begleiten und zu bewachen. In der Folgezeit wurde der BGS sogar zu Verkehrsregelungen im Landkreis herangezogen, da die DDR-Bürger ihre Reisefreiheit zu Einkaufstouren in die nahe gelegenen Ortschaften Bad Harzburg oder Goslar nutzten, in denen einige Discounter 24 Stunden geöffnet hatten.

Im Anschluss beruhigte sich die Lage ein wenig. In Absprache mit der DDR erfolgte die Einrichtung fester Grenzübergangsstellen. Diese wurden durch den BGS behelfsweise mit Containern, Dixi-Toiletten und anderem Bedarf zur Grenzkontrolle ausgestattet und im Schichtdienst aus der Goslarer BGS-Abteilung rund um die Uhr betrieben. Dabei kam es auch zu zahlreichen Kontakten zu den DDR-Grenztruppen und einige von ihnen sind heute auch Angehörige der Bundespolizei.

Die Entwicklung ging jedoch, wie wir wissen, rasend schnell weiter und nach der Währungsunion am 1. Juli 1990 wurde durch die Verhandlungspartner des Einigungsvertrages die Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten auf den 3. Oktober 1990 terminiert.

Dies bedeutete für den Bundesgrenzschutz einen bisher noch nie dagewesenen Einsatz. Bereits am 2. Oktober verlegten wir mit unserer Einsatzhundertschaft mit kompletter Ausrüstung und Bewaffnung nach Basdorf bei Berlin und fuhren dabei durch ein für uns noch fremdes Hoheitsgebiet; – ein komisches Gefühl überbekam mich, als wir so die Grenzübergangsstelle in Helmstedt-Marienborn passierten. Die Fahrt verlief jedoch völlig unspektakulär und wir trafen in den Nachmittagsstunden in der Kaserne in Basdorf ein. In dieser war eine dem Ministerium für Staatssicherheit (MfS) unterstehende Einheit des Wachregiments „Feliks Dzierzynski“, welches u. a. für die Bewachung der für die DDR-Partei- und Staatsführung errichteten Wandlitzer Waldsiedlung zuständig war, untergebracht. Den Angehörigen dieses Wachregimentes hatte man erst wenige Stunden vorher gekündigt.

Diese waren noch beim Ausräumen in den Unterkunftsgebäuden und „not amused“, als wir nun mit unseren Fahrzeugen einer gesamten BGS-Abteilung auf dem Antreteplatz, von ihnen wahrscheinlich gefühlt als „Besatzer“ wahrgenommen, auffuhren. So mancher Stuhl und andere Einrichtungs- oder Ausrüstungsgegenstand wurden deshalb nicht auf normalem Weg ausgeräumt, sondern durch das Fenster auf den Mittelhof „entsorgt“.

Als die Unterkunftsgebäude schließlich dann von den nun arbeitslosen Soldaten geräumt waren, boten sie zum Teil auch einen desolaten Anblick; – kaum zu glauben, wenn man sich heute die auf dem Gelände befindliche Brandenburger Polizeischule betrachtet. Nach dem Einzug in die Stuben, in die heute mit Sicherheit keine Einheit der Bundespolizei mehr einziehen müsste oder würde, ging es in einen für uns auch bisher noch nie gesehenen Kinosaal zur Befehlsausgabe. Wir hatten von der Berliner Polizeiführung den Auftrag, die für den nächsten Tag geplante Feierlichkeit am Reichstag zu schützen.

Am nächsten Morgen, nach einem gewöhnungsbedürftigen Frühstück mit „Alu-Besteck“, ging es dann zum Reichstag. Es war schon ein erhebendes und tolles Gefühl, vor diesem Gebäude zu stehen. Auf der Rückseite wurde unsere Hundertschafts-Befehlsstelle errichtet. Der Plan unseres Abteilungsführers bestand darin, durch Absperrung mit Hamburger Gittern, den Reichstag und die für die Besucher vorgesehene Wiese gegen weiteren Zulauf aus Richtung des Brandenburger Tors, das damals noch ohne angrenzende Bauten völlig frei stand, zu schützen. Es kam der Abend und die Veranstaltung begann. Die Zeremonie mit den Reden wurde auf der Freitreppe des Reichstags durchgeführt. Die Wiese vor dem Reichstag war völlig überfüllt. Der Druck der Menschenmassen aus Richtung Brandenburger Tor nahm immer mehr zu. Schließlich waren die Absperrungen mit den Hamburger Gittern nicht mehr zu halten und es hätte von den immer mehr nachrückenden Menschenmassen mindestens Verletzte gegeben. Nun galt es, wenigstens einen verletzungsfreien Ablauf zu garantieren und die teilnehmende Prominenz zu schützen. Dies gelang zumindest und es war für mich ein persönlich sehr beeindruckendes Gefühl, Willy Brandt mit meiner Gruppe von der Treppe vor dem Reichstag bis zu den hinter dem Reichstag abgestellten Fahrzeugkolonnen zu geleiten und ich konnte dabei erfahren, wie viel ihm dieser Tag der
Wiedervereinigung bedeutete. Andere Politiker und Prominente waren froh, dass wir ihnen als BGS Schutz boten. So z. B. auch Thomas Gottschalk, der sich als ZDF-Berichterstatter freute, in unserem Befehlskraftwagen Kaffee trinken zu dürfen …

Die Feierlichkeiten endeten glücklicherweise ohne Verletzte und große Störungen. Wenn man die verschiedenen Fernsehrückblicke sieht, grenzt dies an ein Wunder. Tief in der Nacht durften wir wieder unsere „Luxusherberge“ in Basdorf aufsuchen, um dort für den Folgeauftrag zu ruhen. Dieser lautete: Schutz der Stadt Berlin zu der für den 4. Oktober 1990 angemeldeten Demonstration: „Halts Maul Deutschland“, bei der auch zahlreiche Angehörige des „schwarzen Blocks“ aus Westdeutschland erwartet wurden. Meine Hundertschaft hatte dabei den Auftrag, die Ostberliner Kongresshalle am Alexanderplatz zu schützen, die von gewalttätigen Demonstranten „entglast“ werden sollte. Glücklicherweise hatten wir unsere Fahrzeuge, die damals schon mit Lexanverglasung ausgestattet waren, als „Wagenburg“ aufgefahren, denn nachdem wir einen Steinewerfer aus der Menge hinter unsere Polizeikette verbracht hatten, hagelte es Molotowcocktails und Wurfgeschosse und nur durch das Zurückziehen hinter die Fahrzeuge gab es – ebenfalls wie durch ein Wunder – keine Verletzten. Der Einsatz verlangte uns jedoch alles ab, zumal durch fehlende Ortskenntnis unsererseits es Störern immer wieder gelang, die zahlreichen U-Bahn-Ein- und -Ausgänge am Alexanderplatz zur Flucht und zum plötzlichen Wiederauftauchen zu nutzen.

Für uns alle – und für mich persönlich – bleibt dieser Einsatz einzigartig und unvergessen. Ich bin sehr froh und dankbar, dass die Wiedervereinigung unserer beiden deutschen Staaten vor nunmehr 25 Jahren erfolgte und ich dadurch viele neue Freunde – auch im Kollegenkreis – gewinnen durfte, die ich ansonsten vermutlich nie kennengelernt hätte.

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