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Konrad Freiberg im Interview mit der Leipziger Volkszeitung (LVZ):

Im Visier der Taliban

Berlin.

Forderungen nach mehr Polizei für Afghanistan lehnt der Vorsitzende der Gewerkschaft der Polizei (GdP), Konrad Freiberg, im Interview mit der Leipziger Volkszeitung (LVZ) ab. Es müssten dort paramilitärische Einheiten arbeiten und nicht Ladendiebe dingfest gemacht werden. Freiberg betonte, auch Deutsche seien im Visier der Taliban. Lesen Sie hier das Interview im Wortlaut:

DREI FRAGEN AN …
… Konrad Freiberg, Chef der Gewerkschaft der Polizei


Leipziger Volkszeitung: Als Antwort auf die zugespitzte Situation in Afghanistan fordert etwa der Bundeswehrverband eine Verzehnfachung der internationalen Polizei-Hilfe. Ist das eine Lösung?
Freiberg: Forderungen, jetzt mehr Polizei nach Afghanistan zu schicken, sind fatal. Dort wird nicht der Polizist benötigt, der den Ladendieb oder den Räuber überführt. In Afghanistan werden paramilitärische Einheiten gebraucht, also Fachleute, die Sprengstofffallen erkennen, die Selbstmordattentäter verfolgen.

Politiker machen es sich also zu leicht, wenn sie die Afghanistan-Krise mit dem Ruf „mehr Polizei“ beantworten?
Genau. Wir als Polizei sind gerne bereit, beim zivilen Aufbau zu helfen. Aber Afghanistan braucht heute mehr paramilitärische Polizei. Das können wir nicht bieten. Da müssen sich etwa Frankreich, Spanien oder Italien aufgefordert fühlen. Die haben eine Polizei, die dem Verteidigungsministerium untersteht. Die deutsche Polizei ist keine Bürgerkriegspartei.

Im Oktober steht die Ausweitung des deutschen Afghanistan-Mandats zur Abstimmung an. Was erwarten Sie sich?
Wir haben die Dimension der Probleme in Afghanistan völlig falsch eingeschätzt. Das militärische Vorgehen bei der Terroristen-Bekämpfung hat bei der afghanischen Bevölkerung in vielen Fällen ein Umdenken verursacht. Für viele sind wir Besatzer geworden. Mehr Soldaten sind da keine Lösung. Heute geht es darum, verlorenes Vertrauen wieder zurückzugewinnen. Da darf man nicht einfach verstärkt auf die militärische Karte setzen. Es wird weitere Tote auch unter den Deutschen in Afghanistan geben, denn dort ist Bürgerkrieg. Das haben viele bei uns noch nicht begriffen. Wir sind Ziel und im Visier der Taliban.
Das Interview führte LVZ-Korrespondent Dieter Wonka