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Ernüchternde Bilanz: Die Zerreißprobe – Von Ursachen und Wirkungen

Von Jörg Radek, Vorsitzender der Gewerkschaft der Polizei (GdP), Bezirk Bundespolizei Seit Ende des 19. Jahrhunderts wird die Güte von Stahl mithilfe von Zerreißproben beurteilt. Das Material wird dabei langanhaltend steigenden oder gleichbleibenden Belastungen ausgesetzt. Folgen dieser Werkstoffprüfung sind „Dehnungen“ und „Spannungen“. Am Ende steht, dass das Material zerstört ist. Im Allgemeinen gilt dies als […]

Jörg Radek, Vorsitzender der Gewerkschaft der Polizei (GdP), Bezirk Bundespolizei

Jörg Radek, Vorsitzender der Gewerkschaft der Polizei (GdP), Bezirk Bundespolizei

Von Jörg Radek, Vorsitzender der Gewerkschaft der Polizei (GdP), Bezirk Bundespolizei

Seit Ende des 19. Jahrhunderts wird die Güte von Stahl mithilfe von Zerreißproben beurteilt. Das Material wird dabei langanhaltend steigenden oder gleichbleibenden Belastungen ausgesetzt. Folgen dieser Werkstoffprüfung sind „Dehnungen“ und „Spannungen“.
Am Ende steht, dass das Material zerstört ist. Im Allgemeinen gilt dies als größter Nachteil dieser Probe. Übertragen wir dieses Bild auf die größte Polizeiorganisation in der Verantwortlichkeit der Bundesregierung: Im Ergebnis kann niemand wollen, dass die Menschen in der Bundespolizei überlastet sind und ihre Arbeit sie krank macht. – In der Gegenwart müssen die Menschen in der Bundespolizei für die Fehler aus der Vergangenheit ihre körperliche Unversehrtheit hergeben. Beispielsweise für die Stelleneinsparungen seit 1992 im Bereich der Verwaltung. Personal wurde abgebaut, die Aufgaben blieben. Und nun gibt es noch einen eklatanten Mangel an Nachwuchs. Doch die Gesamtsicht geht über das Verwaltungspersonal hinaus. Sie beginnt bei der Einstellung. Wer, was in der Vergangenheit an Ruhestandsdaten und Personalfehl ignoriert hat, hilft nur gegenüber der Rechtfertigung des eignen Spiegelbildes … Wir warnten vor der Situation, die nun eingetreten ist. Trotz mehr Aufgaben, trotz steigender Arbeitsmenge, trotz Ruhestandsdaten wurden diese Warnhinweise überhört. In der Bundespolizei gibt es eine strukturelle Ignoranz gegenüber der Personallage. Und nach der letzten Neuorganisation war offiziell bei „Aus- und Fortbildung“ ebenfalls alles in Ordnung. Jetzt unter dem Druck, das Nötige tun zu müssen, offenbaren sich auch hier die Versäumnisse. Nun soll auch dieser Teil der Bundespolizei mehr leisten, wofür er eigentlich geschaffen wurde. Sich neu ausrichten, mehr einstellen sowie mehr ausbilden. Doch hinter den vier Buchstaben des „Mehr“ verbirgt sich nicht mehr Personal.

Zwischenresümee: Mehr Personal für die Verwaltung, mehr Personal für die Aus- und Fortbildung sind angezeigt. Doch ein Ende der Belastungsprobe ist noch nicht in Sicht.

Heinz Selzner forderte in seinem Artikel in der Juliausgabe unseres Bezirksjournals das Ende der „Steinbruchmentalität“ für die Menschen in der Bundesbereitschaftspolizei. Von der Eingreifreserve des Bundes blieb – bei allen Personallücken, die geschlossen werden sollen – nicht viel übrig. Und das an einer „Scharnierstelle“ zu den Polizeien der Länder, die sich zur Lösung ihres eigenen Personaldefizits nur allzu gerne beim Bund bedienen. Hier „ziehen und zerren“ also lagebedingt neun Bundespolizeidirektionen und gegebenenfalls 16 Bundesländer … – Wer dies für übertrieben hält, erinnere sich bitte an das erste Quartal dieses Jahres. Und aus dieser Organisation heraus wird derzeit auch noch ausgebildet.

Weiteres Zwischenfazit: Eine Ertüchtigung der Einheiten der Bereitschaftspolizei geht ebenfalls nur über mehr Personal.

Wir sind aber immer noch nicht zum Kern vorgedrungen: Seit der letzten Neuorganisation fehlt der Bundespolizei an der Südgrenze Deutschlands Personal. Wie wichtig das Personal in der grenzpolizeilichen Aufgabe ist, belegen die Aufgriffe aus Anlass des G7-Gipfels. Ein Ergebnis, das nur durch Zwölf-Stunden-Schichten und Urlaubssperre möglich war. Die Zeit wurde „gedehnt“, um Personal zu gewinnen. Für eine Zeitspanne mag dies gehen, jedoch nicht auf Dauer. Spätestens hier schafft die Zerreißprobe eigene Löcher. Die Bundespolizei zieht sich zulasten der Bahnbenutzer aus der Fläche zurück. Wir dünnen aus. Nach dem Ausdün-nen kommt das Wegbleiben. – Die Bürgerinnen und Bürger werden dies nicht akzeptieren. Weder an den Bahnhöfen, noch in den Grenzregionen. – Egal wo.

Rückschluss: Um den Unmut der Steuerbürger zu besänftigen, bedarf es eines Mehr’ an Personal, um die gesetzlichen Aufgaben der Bundespolizei erfüllen zu können.

An den deutschen Flughäfen ist die Bundespolizei ein Personalmagnet. Die Deckung des Personalbedarfes erfolgt fast nur noch auf Zuruf. Doch zeigt sich auch hier der Grad der in­neren Zerrissenheit. Vor Ort wird um jede Nuance zur Verbesserung der Rahmenbedingungen gerungen.
Doch mit der „Entfernung“ zu den Flughäfen wächst die Gleichgültigkeit bei den Verantwortlichen für eine dauerhafte Lösung durch dezentrale Einstellung.
Selbst verursacht und durch die Verwaltung von Sachzwängen lässt sich die Situation für die Menschen in der Bundespolizei nur durch einen Wandel ändern. Wir dürfen nicht fort­setzen, was wir bisher „gelebt“ ha­ben. – Die Zerreißprobe lässt sich ab­wenden, wenn wir gemeinsam antreten: Für mehr Personal. Der Mi­nister sagte auf der Führungskräfteta­gung sinngemäß, dass wir dann eben nicht alle Aufgaben erfüllen könnten.
Er sagte dies zu Führungskräften, die jedoch durch seinen Vorgänger einen besonderen Umgang mit „Spitzen­personal“ erleben durften …

Stahl, um zum Anfang zurückzu­kehren, ist totes Material und hat kei­ne Empfindungen. Der Mensch hat ein Schmerzgedächtnis. Dieses Ge­dächtnis prägt „leider“ auch unsere Behördenkultur. Die Angst vor die­sem Schmerz verbirgt sich hinter Tor­tendiagrammen und Statistiksäulen. Die scheinbare Messbarkeit von Ar­beit in der Verwaltung – und insbe­sondere bei der Polizei – wurde doch schon mehrfach als eine Scheingröße entlarvt. Die parlamentarische Steue­rung, für die diese Informationen ge­dacht waren, entzieht sich derartigen Instrumenten. Politische Entschei­dungen richten sich an Ansprüchen einer Wiederwahl aus. Wahlergebnis­se sind die einzigen „Kennzahlen“, denen Parlamentarier Vertrauen schenken. Der Versuch einer dauer­haften Prozessoptimierung mit be­triebswirtschaftlichen Methoden in der Polizei erhöhen das Arbeitstempo, den Erfolgsdruck und prägen die Umgangskultur. Dem Wertmuster polizeilicher Tugenden wie Gerechtigkeit, Tapferkeit und Wahrheitsliebe wurden scheinbar – ohne jedoch die Entwicklung einer Fehlerkultur – zeitgemäße Begriffe wie Human- und Sozialkapital hinzugefügt. Doch stattdessen: Zahlen, Daten, Fakten und Quoten. Der Glaube an die Zahlen beeindruckt nach außen kaum jemanden, vergiftet aber nach innen. So sind beispielsweise Beurteilungsquoten das Gift für jeden Teamgeist und wirken zersetzend für den wichtigen Zusammenhalt. Ausdruck über den Grad der „Verformungen“ der Organisation und ihrer Belastungen für die Menschen gibt das Personalfehl sowie die Fehlzeiten. – Unsere gemeinsame Aufgabe ist es, dies abzuwenden. Eine Schlussfolgerung muss sein, den übertriebenen Wirtschaftlichkeitsansatz durch die Zuwendung zu den Menschen zu ersetzen. – Führen, nicht mit Tabellen, sondern durch das gesprochene Wort.

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