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Pressekonferenz "Abschlussbericht der KFN-Studie"

"Polizisten in Deutschland leben gefährlich"

Berlin.

Bemerkenswerte Resonanz fand die Pressekonferenz zur Vorstellung des Abschlussberichts der so genannten "KFN-Studie" am 1. Juli 2002 in Berlin. Unter der Federführung des Hannoveraner Wissenschaftlers Prof. Dr. Thomas Ohlemacher wurde die "Gewalt gegen Polizeibeamtinnen und -beamte" zwischen 1985 und 2000 untersucht.

Eingeladen hatten der Bremer Innensenator und Vorsitzende der Innenminsterkonferenz (IMK), Dr. Kuno Böse, und die Gewerkschaft der Polizei, die bei der PK durch ihren Bundesvorsitzenden Konrad Freiberg vertreten wurde.

Eine Zusammenfassung der Ergebnisse bietet das Internetangebot des Kriminologischen Forschungsinstituts (KFN) in Hannover unter http://www.kfn.de im Bereich "Aktuelles".

Hier nun einige Pressestimmen vom 1. und 2. Juli 2002:

Agenturnachricht ddp

Berlin (ddp). Polizisten in Deutschland leben gefährlich. Einer Studie zufolge erhöhte sich seit 1985 die Gefahr für Polizeibeamte, im Dienst getötet zu werden. Die meisten Polizisten würden "eher in bürgerlichen Vierteln" angegriffen als an sozialen Brennpunkten, sagte am Montag in Berlin der Vorsitzende der Innenministerkonferenz (IMK) von Bund und Ländern, Bremens Innensenator Kuno Böse (CDU), bei der Vorstellung der Studie in Berlin. Seit 1985 wurden bundesweit 58 Polizisten im Dienst getötet, im Jahr 2000 allein acht. Insgesamt wurden rund 4000 Angriffe auf Beamte verzeichnet, davon 747 mit Tötungsabsicht.

Nach Darstellung des Vorsitzenden der Gewerkschaft der Polizei (GdP), Konrad Freiberg, hat sich die Gewalt gegen Polizisten seit Ende der 80er Jahre erheblich verändert. Während davor für die Beamten der Terrorismus die gefährlichste Bedrohung war, führten heute "schon Routinetätigkeiten im täglichen Dienst zu tödlichen Angriffen". So ereigneten sich laut Studie die meisten Angriffe aufPolizisten zur Nachtzeit, auf öffentlichen Plätzen und in "bürgerlichen" Wohngebieten. Drei von fünf Orten hatten dabei zuvor als ungefährlich gegolten. In 80 Prozent der Fälle kämen die Angriffe "völlig überraschend", beispielsweise bei Verkehrskontrollen. Meistens betroffen seien Streifenwagenbesatzungen, hieß es.

Fast immer waren Männer die Angreifer. Sie standen zumeist unter Alkoholeinfluss, sagte der GdP-Chef. 72 Prozent der Täter seien Deutsche gewesen. In den Fällen mit Tötungsabsicht war die Hälfte der Angreifer bewaffnet. In zwei von drei solchen Situationen wurden illegale Waffen eingesetzt.

Freiberg forderte angesichts dieser "Bedrohungslage" eine verbesserte Eigensicherung der Polizisten und die Ausstattung der Länderpolizeien mit stichsicheren Schutzwesten, die tragbar und leicht seien. "Der Staat darf hierbei nicht aufs Geld schauen, betonte er. Böse verwies darauf, dass der Studie zufolge "das Tragen von Schutzwesten entscheidend hilft, Verletzungen und gravierende Folgen zu verringern".

Nach Ansicht des Leiters der Studie, Thomas Ohlemacher, ist deutlich geworden, dass trotz aller Schulungen für die Polizisten "immer wieder unerwartete Situationen eintreten, die zu einem Schockzustand führen, bei dem sie handlungsunfähig sind". Zugleich habe die Analyse gezeigt, dass es in der Polizei Probleme mit einer Fehlerdiskussion gebe, da diese die Karriere des einzelnen Beamten kosten könnte.

Die Gefährdungsanalyse war von der Gewerkschaft der Polizei gemeinsam mit der Innenministerkonferenz beim Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen (KFN) in Auftrag gegeben worden.


Frankfurter Allgemeine Zeitung

... Der Vorsitzende der Gewerkschaft de Polizei, Konrad Freiberg, sprach sich dafür aus, bei diesen Kontrollen (z.B. Routinekontrollen wie Fahrzeugkontorollen, die Red.) Videoaufzeichnungen zu gestatten. So könnten Täter abgeschreckt und Beweise gesichert werden. Außerdem sollte nach Ansicht von Freiberg die Polizei leichter erkennbar sein und mit Digitalfunk ausgestattet werden. Er befürchte, dass einige Bundesländer die Umstellung auf digitale Techniknicht wie vorgesehen bis 2006 vornähmen. Dadurch laufe die Polizei Gefahr, dass sich Beamte aus verschiedenen Ländern bei Großveranstaltungen untereinander nicht mehr verständigen könnten.

Tipp: Einen interessanten Hintergrund bieten sowohl Druck- wie auch Online-Ausgabe der FAZ in der Rubrik "Deutschland un die Welt". Karin Truscheit berichtet unter dem Titel "Das Leben ist draußen" über das Schießtraining der Polizei.



Rheinpfalz Online

...Die Gefahr angegriffen, verletzt oder gar getötet zu werden, ist für die Ordnungshüter (nämlich) immer dann am größten, wenn sie am wenigsten damit rechnen: Die meisten Übergriffe finden völlig überraschend bei Dunkelheit, mitten im öffentlichen Raum und in eher bürgerlichen Vierteln statt.
Dies ist ein überraschendes Ergebnis der Studie "Gewalt gegen Polizeibeamtinnen und -beamte", die auf 4000 Fällen von Angriffen gegen Polizisten zwischen 1985 und 2000 basiert. Konrad Freiberg, Vorsitzender der Gewerkschaft der Polizei (GdP), wies gestern darauf hin, dass sich die Sicherheit der Beamten weiter verschlechtert habe. Das liegt nach Ansicht des GdP-Chefs nicht etwa am Schusswaffengebrauch der Polizei, den er als "sehr zurückhaltend" beschrieb. So habe die Zugriffseinheit GSG 9 bei rund 1400 Einsätzen erst vier Mal Schusswaffen eingesetzt: in Mogadischu, in Bad Kleinen und in zwei Fällen gegen Kampfhunde. Aber nach der Studie sind nicht Sondereinsatzkommandos am stärksten gefährdet, sondern vor allem ganz normale Streifenpolizisten. "Heute führen schon Routinetätigkeiten des täglichen Dienstes von einer Sekunde zur anderen zu tödlichen Angriffen", erklärte Freiberg.


NordWest Zeitung

...Polizisten wissen um die Gefährlichkeit ihres Berufes. Im schlimmsten Fall müssen sie für das Wohl der Allgemeinheit ihr Leben riskieren. Das kann aber kein Grund sein, die zunehmende Zahl von Gewalttaten gegen Polizeibeamte tatenlos zu akzeptieren.
Ihre Standesvertreter, allen voran die Gewerkschaft der Polizei, mahnen seit Jahren eine bessere Ausrüstung an. Wenn sich in einigen Bundesländern Polizisten ihre Schutzwesten selbst kaufen müssen, ist das beschämend. Auch die technische Kommunikation zwischen den Einsatzkräften muss dringend verbessert werden. Verbrecherbanden sind auf dem neuesten Stand.


Neues Deutschland

...Das Kriminalistische Forschungsinstitut in Niedersachsen hat in einer EU-einmaligen Studie festgestellt: Das Risiko eines Polizisten, mit Tötungsabsicht angegriffen zu werden, liegt erheblich über dem eines Durchschnittsbürgers. Die Wahrscheinlichkeit, getötet zu werden, ist indessen weitaus geringer. Ja klar, sagt man als Tatort-Zuschauer und addiert seine Privat-Fernseh-Erfahrungen. So weiß man, weshalb unsere Freunde und Helfer immer öfter die Hand an den Colt legen, wenn man sie nach dem Weg fragt.
Die Studie, in der seit 1985 54 getötete Polizisten und über 600 gefährliche Angriffe analysiert sind, ist für sich genommen sicher wichtig. So wichtig wie es für die einzelnen Beamten ist, eine Schutzweste zu tragen. Doch was ziehen sie demnächst an? Erfolgen dann Personenkontrollen nur noch mit gezogener Waffe?
Dass - wie auch immer motivierte - Gewalt eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung ist, hat man vor allem nach dem (bisher untypischen) Erfurter Schulmassaker bis zum Erbrechen gehört. Übrig blieben ein paar leichte Korrekturen im Waffenrecht sowie verbale Schelte gegen PC-Spiele-Kreateure. Für tiefer lotende, also auch parteiunabhängige Fragen fehlt wohl vor allem Mut. Weil wir Antworten ahnen und Ohmacht verspüren.


taz

...Die meisten Angriffe mit Tötungsabsicht gab es zwischen 1985 und 1994, seither sinken die Zahlen wieder. 2001 wurde kein Beamter getötet. Von "amerikanischen Verhältnissen" sei man also weit entfernt, so Böse. Dennoch forderten Polizisten nach seinen Informationen vermehrt vereinfachte Schusswaffenregelungen. Böse und Freiberg setzen dagegen eher auf die verstärkte Ausrüstung mit Schutzwesten. Einig waren sie sich zudem darin, dass zwischen einer stärkeren Eigensicherung der Beamten und der Forderung nach mehr Bürgernähe ein Widerspruch bestehe. Nun soll eine Arbeitsgruppe den Innenministern bis zum Dezember entsprechende Vorschläge unterbreiten.


Quellen wurden recherchiert in http://www.paperball.de